Wanderungen durch die Mark Brandenburg
(Au-
gust Gebhard) in die Armee trat und, als Gardecapi-
tain den Dienst quittierend, seine Tage auf Frieders-
dorf beschloß.
Von diesem August Gebhard von der Marwitz, dem
Urgroßvater des gegenwärtigen Besitzers, existieren
noch ein paar Überlieferungen, die hier Platz finden
mögen, weil sie ein anschauliches Bild von dem Le-
ben geben, das ein märkischer Edelmann vor den
Tagen des Siebenjährigen Krieges zu führen pflegte.
1170
August Gebhard lebte noch völlig als Patriarch. Die
Bauern fürchteten sein grimmiges Ansehen und ver-
mieden ihn lieber, als daß sie ihn suchten. Er war
etwa der »Soldatenkönig im kleinen«, und das be-
kannte »Lieben sollt ihr mich« ward auch hier mit
dem spanischen Rohr auf die Rücken geschrieben.
Von besonderer Wichtigkeit war der sonntägliche
Kirchgang. In vollem Staat gefolgt von Frau und Kin-
dern, erschien dann der alte Gardecapitain auf sei-
nem Chor und teilte seine Aufmerksamkeit zwischen
dem Prediger und der Gemeine. Sein kontrollierender
Blick war über dem Ganzen. Ein eigens bestallter
Kirchenvogt mußte aufmerken, wer von den Bauern
ausgeblieben war, von denen jeder, der ohne triftige
Ursache fehlte, an seinem Beutel oder seinem Leibe
bestraft wurde. Dabei war August Gebhard ein Le-
bemann. Sein Haus stand gastlich offen, und in hei-
terer Gesellschaft vergingen die Tage. Man aß von
silbernem Geschirr, und eine zahlreiche Dienerschaft
wartete auf. Der Sommer gehörte dem Leben auf
dem Lande, aber der Winter rief alles nach Berlin. In
einem mit sechs Hengsten bespannten Wagen brach
man auf, und ein Läufer in voller Livrée lief vor dem
Zuge her. Auch in Berlin machte August Gebhard ein
Haus; vornehme Gesellschaft ging aus und ein, an-
gezogen durch den feinen und geistreichen Ton sei-
ner zweiten Gemahlin, einer geborenen von der
Goltz. Das Weihnachtsfest führte die Familie auf kur-
ze Zeit nach Friedersdorf zurück, bis mit dem heran-
nahenden Karneval der Läufer und die sechs Hengste
wieder aus dem Stall mußten.
1171
Das waren die Zeiten August Gebhards. Die kom-
menden Jahre trugen von allen Seiten her Verwüs-
tung in das Land und zerstörten die Wohlhabenheit,
die die gesunde Basis dieses patriarchalischen Le-
bens war. August Gebhard starb 1753. Er hinterließ
drei Söhne, von denen wir jedem einzelnen, statt der
Verwirrung stiftenden Vornamen, lieber ein bezeich-
nendes Beiwort geben wollen. So nennen wir denn
den ältesten den Hubertsburg -Marwitz, den zweiten den Hochkirch -Marwitz, den dritten aber, der nicht Gelegenheit fand, im Kriege sich auszuzeichnen, einfach nach seinem Titel den Kammerherrn Marwitz.
Von jedem mögen hier ein paar Worte stehen.
Der Hubertsburg -Marwitz (Johann Friedrich Adolf) war 1723 geboren. Er trat in das Regiment Gensdarmes und avancierte von Stufe zu Stufe. Er war
ein sehr braver und in großer Achtung stehender
Soldat, ein feiner und gebildeter Weltmann, ein
Freund der Literatur und der Kunst. Der große König
schätzte ihn hoch, besonders auch, weil er das Re-
giment Gensdarmes fast den ganzen Siebenjährigen
Krieg hindurch, statt des eigentlichen Kommandeurs,
Grafen von Schwerin, mit dem größten Sukzeß ge-
führt hatte. Bei Zorndorf war er mit unter den Besten
gewesen.
So kam das Jahr 1760. Der König hatte nicht verges-
sen, daß es sächsische Truppen gewesen, die das
Jahr vorher Schloß Charlottenburg geplündert hat-
ten, und voll Begier nach Revanche gab er beim Ein-
1172
rücken in Sachsen sofort Befehl, Schloß Hubertsburg
– dasselbe, das später durch den Friedensschluß be-
rühmt wurde – zu zerstören. Das Mobiliar des
Schlosses sollte dem plündernden Offiziere zufallen.
Der Befehl zur Ausführung traf unsern Marwitz, der
damals Oberst war. Dieser schüttelte den Kopf. Nach
einigen Tagen fragte ihn der König bei Tisch, ob
Schloß Hubertsburg ausgeplündert sei. »Nein«, erwi-
derte der Oberst. Eine andere halbe Woche verging,
und der König wiederholte seine Frage, worauf die-
selbe lakonische Antwort erfolgte. »Warum nicht?«
fuhr der König auf. »Weil sich dies allenfalls für Offiziere eines Freibataillons schicken würde, nicht aber
für den Kommandeur von Seiner Majestät Gensdar-
mes.« Der entrüstete König stand von der Tafel auf
und schenkte das Mobiliar des Schlosses dem Obers-
ten Quintus Icilius1), der bald darauf alles rein aus-
plünderte.
Bei allen Revuen nach dem Frieden war nun der
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