Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Taten beizu-
steuern, aber was ihm versagt blieb, wurde seinen drei Söhnen um so reichlicher gewährt. Diese drei
Söhne waren: August Ludwig, Alexander und Eber-
hard. Nur dem Namen des Ältesten begegnen wir in
der Friedersdorfer Kirche. Über der Eingangstür, in
ziemlicher Höhe, befindet sich ein reicher, in drei
Felder geteilter Goldrahmen, in dessen Mittelfeld wir
das Bildnis August Ludwigs von der Marwitz, rechts
und links aber die Bildnisse seiner beiden Frauen
erblicken. Besonders das Bildnis seiner ersten Frau,
einer geborenen Gräfin Brühl, zeichnet sich durch
einen Ausdruck gewinnender Liebenswürdigkeit aus
und prägt sich dem Gedächtnis des Beschauers ein.
Über den Charakter und reichen Lebensinhalt dieses
für die Entwickelungsgeschichte unseres Vaterlandes
bedeutungsvollen Mannes sprech ich nunmehr aus-
führlicher in dem folgenden Kapitel.
1176
1. Nach dem Kriege wurde Quintus Icilius (eigent-
lich Guichard, aus einer Refugiésfamilie) oft zur
königlichen Tafel gezogen. Der König fragte
einst über Tisch hin: »Was hat Er denn eigent-
lich mitgenommen, als Er das Schloß des Gra-
fen Brühl plünderte?«, worauf Quintus Icilius
replizierte: »Das müssen Ew. Majestät am bes-
ten wissen, wir haben ja geteilt .«
Friedrich August Ludwig von der
Marwitz
Er hat's verschmäht, sich um den Kranz zu mühen,
Den unsre Zeit, die feile Modedirne,
Geschäftig flicht für jede flache Stirne –
Er sah nach oben, wo die Sterne blühen.
Die Marwitze haben dem Lande manchen braven
Soldaten, manchen festen Charakter gegeben, kei-
nen aber braver und fester als Friedrich August Lud-
wig von der Marwitz, dessen Auftreten einen Wende-
punkt in unserem staatlichen Leben bedeutet. Erst
von Marwitz' Zeiten ab existiert in Preußen ein politi-
scher Meinungskampf . Das achtzehnte Jahrhundert mit seinem rocher de bronce hatte hierlandes überhaupt keinen Widerstand gekannt, und die Oppositi-
on, die während der drei vorhergehenden Jahrhun-
1177
derte, von den Tagen der Quitzows an bis zum Re-
gierungsausgange des Großen Kurfürsten, oft ernst-
haft genug hervorgetreten war, war immer nur eine
Opposition des Rechts oder der Selbstsucht gewesen.
Ein Ideen kampf auf politischem Gebiete lag jenen Tagen fern. Das geistige Leben der Reformationszeit
und der ihr folgenden Epoche bewegte sich innerhalb
der Kirche . Erst die Französische Revolution schuf politisch-freiheitliche Gedanken, und aus der Auflehnung gegen den siegreichen Strom derselben, aus
dem ernsten Unternehmen, Idee mit Idee und geisti-
ge Dinge mit geistigen Waffen bekämpfen zu wollen,
gingen wahrhaft politische Parteien und ein wirklich
politisches Leben hervor.
Derjenige, der, meines Wissens, zuerst den Mut hat-
te, diesen Kampf aufzunehmen, war Marwitz. Ich
gedenke – zum Teil nach seinen eigenen Worten und
Aufzeichnungen – zunächst die äußern Fakten seines
Lebens und im Anschluß daran eine Schilderung sei-
nes Charakters zu geben. Die gereifteren und des-
halb ruhigeren Anschauungen, zu denen sich unsere
politischen Parteien hindurchgearbeitet haben, er-
möglichen es uns, mit Unbefangenheit an unsre Auf-
gabe heranzutreten. Wie viele auch, mit größerem
oder geringerem Recht, bestrebt sein mögen, Einzel-
paragraphen des Konservatismus zu bekämpfen, das
Prinzip selbst ist von jedem Denkenden anerkannt.
Die Tage des Kampfes sind nicht vorbei, nur die der
Verdächtigung sind hoffentlich überwunden. Wir
wünschen uns frischen und freien Wind in den Segeln
unseres Staatsschiffs, aber wir brauchen auch den
rettenden Anker, der uns auf tiefem Grunde mit sei-
1178
nem Eisenzahne festhält, wenn die frische Brise zum
Sturme zu werden droht. Und ein solcher Anker war
unser Marwitz.
Friedrich August Ludwig von der Marwitz wurde am
29. Mai 1777 zu Berlin geboren, wo seine Eltern, die
nur den Sommer über in Friedersdorf lebten, ein Pa-
lais in der Wilhelmsstraße bewohnten. Das bedeu-
tendste Erlebnis seiner frühen Kinderjahre waren
mehrmalige Begegnungen mit dem großen Könige,
das erste Mal in Dolgelin, einem Dorfe in der Nähe
von Friedersdorf. Er selbst hat die Begegnung in
höchst anschaulicher Weise beschrieben.
»Der Wagen hielt, und der König fragte: ›Ist das
Dolgelin?‹ – ›Ja, Ihro Majestät‹, lautete die Antwort.
Dabei wurde umgespannt. Die Bauern, welche von
weitem ganz still mit ehrerbietig gezogenen Hüten
standen, kamen sachte näher
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