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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Titel: Wanderungen durch die Mark Brandenburg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Theodor Fontane
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und schauten den Kö-
    nig begierig an. Eine alte Semmelfrau aus Libbeni-
    chen nahm mich auf den Arm und hob mich gerade
    am Wagenfenster in die Höh. Ich war nun höchstens
    eine Elle weit vom König entfernt, und es war mir,
    als ob ich den lieben Gott ansähe. Er sah ganz gera-
    de vor sich hin durch das Vorderfenster und trug
    einen alten dreieckigen Montierungshut, dessen hin-
    tere gerade Krempe er nach vorn gesetzt und die
    Schnüre losgemacht hatte, so daß diese Krempe
    vorn herunterhing und ihn vor der Sonne schützte.
    Die Hutkordons waren losgerissen und tanzten auf
    dieser heruntergelassenen Krempe hin und her, die
    weiße Generalsfeder am Hut war zerrissen und
    schmutzig, die einfache blaue Montierung mit roten

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    Aufschlägen, Kragen und goldenem Achselband alt
    und bestaubt, die gelbe Weste voll Tabak. Dazu hat-
    te er schwarze Sammethosen an. Ich dachte immer,
    er würde mich anreden. Ich fürchtete mich gar nicht,
    hatte aber ein unbeschreibliches Gefühl von Ehr-
    furcht. Er tat es aber nicht, sondern sah immer ge-
    radeaus. Die alte Frau konnte mich nicht lange hoch-
    halten und setzte mich wieder herunter. Da sah der
    König den Prediger, winkte ihn heran und fragte,
    wessen Kind das sei. ›Des Herrn von Marwitz auf
    Friedersdorf.‹ – ›Ist das der General?‹ – ›Nein, der
    Kammerherr.‹ – Der König schwieg, denn er konnte
    die Kammerherrn nicht leiden.«
    Das zweite Mal, es war im Mai 1785, sah unser Mar-
    witz den König in Berlin. Die Schilderung, die er uns
    davon gegeben hat, ist nicht minder lebendig als die
    vorhergehende.
    »Er kam geritten auf einem großen weißen Pferde,
    ohne Zweifel der alte Condé, der nachher noch
    zwanzig Jahre lang das Gnadenbrot auf der École
    vétérinaire bekam. Sein Anzug war derselbe wie frü-
    her auf der Reise, nur daß der Hut ein wenig besser
    konditioniert, ordentlich aufgeschlagen und mit der
    Spitze nach vorn, echt militärisch, aufgesetzt war.
    Hinter ihm waren eine Menge Generale, dann die
    Adjutanten, endlich die Reitknechte. Das ganze Ron-
    dell (jetzt Belle-Alliance-Platz) und die Wilhelmsstra-
    ße waren gedrückt voll Menschen, alle Fenster voll,
    alle Häupter entblößt, überall das tiefste Schweigen
    und auf allen Gesichtern ein Ausdruck von Ehrfurcht
    und Vertrauen wie zu dem gerechten Lenker aller

    1180
    Schicksale. Der König ritt ganz allein vorn und grüß-
    te, indem er fortwährend den Hut abnahm. Er beo-
    bachtete dabei eine sehr merkwürdige Stufenfolge,
    je nachdem die aus den Fenstern sich verneigenden
    Zuschauer es zu verdienen schienen. Bald lüftete er
    den Hut nur ein wenig, bald nahm er ihn vom Haupte
    und hielt ihn eine Zeitlang neben demselben, bald
    senkte er ihn bis zur Höhe des Ellbogens herab. Aber
    diese Bewegung dauerte fortwährend, und sowie er
    sich bedeckt hatte, sah er schon wieder andere Leute
    und nahm den Hut wieder ab. Er hatte ihn vom Hall-
    eschen Tore bis zur Kochstraße gewiß zweihundert-
    mal abgenommen.
    Durch dieses ehrfurchtsvolle Schweigen tönte nur
    der Hufschlag der Pferde und das Geschrei der berli-
    nischen Gassenjungen, die vor ihm tanzten, jauchz-
    ten, die Mützen in die Luft warfen oder neben ihm
    hersprangen und ihm den Staub von den Stiefeln
    abwischten. Bei dem Palais der Prinzessin Amalie
    angekommen, das jetzt dem Prinzen Albrecht gehört,
    war die Menge noch dichter, denn sie erwartete ihn
    da. Er lenkte in den Hof hinein, die Flügeltüren gin-
    gen auf, und die alte, lahme Prinzessin Amalie, auf
    zwei Damen gestützt, die Oberhofmeisterin hinter
    ihr, wankte die flachen Stiegen hinab, ihm entgegen.
    Sowie er sie gewahr wurde, setzte er sich in Galopp,
    hielt, sprang rasch vom Pferde, zog den Hut, um-
    armte sie, bot ihr den Arm und führte sie die Treppe
    wieder hinauf. Die Flügeltüren gingen zu, alles war
    verschwunden, und noch stand die Menge, entblöß-
    ten Hauptes, schweigend, alle Augen auf den Fleck
    gerichtet, wo er verschwunden war, und es dauerte

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    eine Weile, bis jeder sich sammelte und ruhig seines
    Weges ging.«
    In seinem achten Jahre erhielt Marwitz einen Hof-
    meister. Er hieß Herr Rosa, war ein völliger Ignorant,
    aber ein rechtschaffener Mann. Die Unterrichtsme-
    thode, nach der er verfuhr, erwies sich als die ein-
    fachste von der Welt, bewährte sich aber durchaus.
    Schroeckhs »Allgemeine Weltgeschichte«, um ein
    Beispiel für seine Methode zu geben, wurde vorgele-
    sen, was ohngefähr ein Jahr lang dauerte. War die
    letzte

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