Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Seite gelesen, so wurde mit der ersten wieder
angefangen. Der Sonnabend gehörte der Repetition.
Nachdem Marwitz seinen Schroeckh zweimal durch
hatte, fingen diese Repetitionsstunden an, eine Re-
deübung zu werden. Marwitz, mit gutem Gedächtnis
ausgerüstet, hatte den Inhalt des Buches beinahe
wörtlich im Kopf und sah sich dadurch in den Stand
gesetzt, jedes Kapitel wie eine Erzählung vorzutra-
gen. Der Vorteil, der dadurch gewonnen wurde, war
ein doppelter: die Dinge saßen fest fürs Leben, und
die Gewohnheit des Vortraghaltens gewann ihm die
nicht hoch genug zu schätzende Fähigkeit, aus dem
Stegreif zusammenhängend reden zu können.
Dreizehn Jahr alt, trat Marwitz als Junker in das Re-
giment Gensdarmes, also in dasselbe Regiment, in
dem schon so viele Marwitze, darunter zwei seiner
Oheime, gedient und Ruhm und Auszeichnung ge-
funden hatten. Dieser Eintritt verstand sich ganz von
selbst; an die Möglichkeit eines andern Berufs war im
Vaterhause nie gedacht worden. Marwitz gedachte
dessen immer voll Dank, denn wie wenig auch die
1182
Verhältnisse ihm zu Gunst und Willen gewesen wa-
ren, immer blieb er dabei, daß das Leben des Krie-
gers das schönste und der Krieg der Prüfstein des
Mannes sei. In etwas einseitiger, aber charakteristi-
scher Auffassung schrieb er daher noch kurz vor sei-
nem Tode: »Zu vieles Lernen ertötet den Charakter.
Im Kriege nur fallen all die Künste weg, welche den
Schein an die Stelle des Verdienstes setzen. Diese
Eigenheit des Krieges wird nicht genugsam erkannt.
Blick und Urteil unter erschwerenden Umständen,
Tapferkeit und Ausdauer können nirgends anders als
im Kriege gezeigt und erprobt werden. Nur hier kann
man mit Sicherheit auf den Charakter des Menschen
schließen.«
Marwitz war also Junker im Regiment Gensdarmes.
Wie er zeitlebens alles ernst nahm, so auch den
Dienst. Der noch knabenhafte Körper mußte dem
starken Willen gehorchen, und der Junker avancierte
zum Cornet und Offizier. Klein, wie er war, machte
ihm das Reitenlernen die größte Schwierigkeit, aber
je mehr er diese Schwierigkeit empfand, desto mehr
war er bestrebt, sie zu überwinden. Zu jeder Tages-
zeit saß er zu Pferde, gab aufs genaueste bei denen
acht, die als die besten Lehrer und Stallmeister gal-
ten, und fragte, versuchte und quälte sich so lange,
bis er endlich völlig triumphierte und zu einem der
besten Reiter des Regiments wurde. Das wollte da-
mals etwas sagen; denn wenn man den Erzählungen
und Berichten Glauben schenken darf, die Marwitz
über diesen Gegenstand – dem er auch in späterer
Zeit noch besondere Aufmerksamkeit widmete – hin-
terlassen hat, so war die Kunst des Reitens nur in
1183
der alten Armee zu Hause und wurde in die neue
Heeresorganisation nicht mit herübergenommen.
Während des Krieges und nach demselben saß man
noch zu Pferde, aber man ritt nicht mehr. Mit wahrer Begeisterung gedachte deshalb Marwitz seiner Lieutenantstage, wo diese Kunst noch geblüht, und er-
zählte mit Vorliebe von den Jagdspielen, die damals
von Kavallerieoffizieren der Berliner Garnison im
Tiergarten aufgeführt wurden. Lieutenant Rothkirch
von den Gensdarmes (»ein gewaltiger Reiter, wie es
keinen mehr gibt«, setzt er hinzu) machte den Hirsch
und verbarg sich im Walde; die andere waren Jäger
und Hunde. Es wurde parforcemäßig lanciert und
dann gejagt; der Hirsch sollte gegriffen werden, was
aber fast niemals gelang.
Das letzte Jahrzehnt des Jahrhunderts brachte Krieg;
Marwitz machte 1790 den resultatlosen polnischen
Feldzug, 1793 bis 1795 die Rheincampagne mit;
wichtiger aber als diese Kriegsereignisse, an denen
er bei seiner Jugend keinen hervorragenden Anteil
nehmen konnte, war für ihn, besonders für seine
geistige Entwicklung, die Rückkehr des Obersten
Baron von der Goltz, der eine lange Reihe von Jahren
hindurch in Paris als preußischer Gesandter gelebt
hatte. Baron von der Goltz war ein naher Verwandter
der Marwitzschen Familie und verbrachte seine A-
bende mit Vorliebe im Hause derselben. Die Franzö-
sische Revolution und ihre Ursachen bildeten natür-
lich einen unerschöpflichen Stoff für die Unterhal-
tung. Der ehemalige Gesandte, der ein Vierteljahr-
hundert und länger den Ereignissen der französi-
schen Hauptstadt gefolgt war und mit scharfem Auge
1184
die Schwächen und Fehler des Hofes, die Machinati-
onen der politischen Gegner und die Verworfenheit,
Keckheit und dämonische
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