Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Zuchtlosigkeit der Volks-
massen und ihrer Führer beobachtet hatte, war na-
türlich schon damals befähigt, Aufschlüsse über die
Triebfedern und zugleich eine Gesamtdarstellung des
großen Ereignisses zu geben, wie es der Ge-
schichtschreibung, der ein Wust traditioneller Lob-
preisung im Wege stand, erst in viel späteren Jahren
möglich geworden ist. Er hatte alle kleinen und
schlechten Leidenschaften in dem Hexenkessel tätig
gesehen und mußte natürlich, durch die Lebendigkeit
seiner Schilderungen und die Überlegenheit seines
politischen Urteils, Anschauungen befestigen, zu de-
nen die Keime von Anfang an im Gemüt unseres
Marwitz gelegen hatten. Er war von Natur Royalist;
von da ab begann er es auch mit Bewußtsein zu
werden.
Noch mehrere Jahre lang blieb Marwitz im Regiment
Gensdarmes, bis er im August 1802 seinen Abschied
nahm. Was ihn direkt dazu bestimmte, ist schwer zu
sagen. Waren es Vorgänge im Regiment, die ihm den
Dienst verleideten, war es der frivole Ton der Resi-
denz, der seinem auf Ernst und Wahrheit gestellten
Wesen widerstand, oder war es seine Verlobung mit
der schönen Gräfin Franziska von Brühl, die im Juli
desselben Jahres stattgefunden hatte, gleichviel, er
quittierte den Dienst und zog sich nach Friedersdorf
zurück. Die Sehnsucht nach der väterlichen Scholle
war erwacht; der Pflug trat an die Stelle des Schwer-
tes. Sein ganzes Wesen ließ keine Halbheit zu, und
mit demselben Ernst, mit dem er Soldat gewesen
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war, ging er jetzt an die Bestellung seiner Äcker, an
die Pflege seines Guts. 1803 vermählte er sich. Aber
trübe Sterne waren über Schloß Friedersdorf aufge-
gangen, und der Tod trennte nach kaum Jahresfrist
ein Band, das die innigste gegenseitige Neigung ge-
schlossen hatte. Marwitz bestattete die geliebte Frau,
die sein Freud und Stolz gewesen war, und schrieb
auf den Grabstein: »Hier ruht mein Glück.«
»Hier ruht mein Glück«, und in der Tat, es war, als
habe Marwitz sein Glück begraben. Überall, wo sein
Herz am verwundbarsten war, da wurd es jetzt ver-
wundet. Was von dem Gange der großen Weltereig-
nisse in seine Einsamkeit drang, steigerte nur die
Niedergedrücktheit seines Gemütes. Endlich kam ein
großer Schlag, und die politischen Vorgänge, die bis
dahin nur Bitteres zu Bitterem gefügt hatten, jetzt schufen sie einen leidenschaftlichen Groll in seinem
Herzen, und die Flamme hellen Zorns, die aufschlug,
ward ihm zum Segen, indem sie ihn seinem Brüten
entriß.
Der Napoleonische Übermut hatte Schmach auf
Schmach gehäuft, neutrales preußisches Gebiet war
in herausfordernder Weise verletzt worden; das durf-
te, das konnte nicht ertragen werden. Österreich und
Rußland standen bereits im Felde; Preußen mußte
seine Truppen zu dem vereinigten Heere beider sto-
ßen lassen; der Krieg war sicher – wenigstens in
Marwitz' Augen. Er riß sich heraus, suchte beim Kö-
nige seinen Wiedereintritt nach, erhielt ihn und wur-
de mit dem Range eines Rittmeisters zum Adjutan-
ten des Fürsten von Hohenlohe ernannt.
1186
Aber nicht jeder in preußischen Landen war damals
ein Marwitz. Viele wurden durch Furcht und selbst-
süchtige Bequemlichkeit in ihren Ansichten be-
stimmt, andere trieben das traurige Geschäft der
»Staatskünstelei«. Noch viele Jahre später konnte
Marwitz in nur zu gerechtfertigtem Unmut ausrufen:
»Was redet man beständig von dem edlen Enthu-
siasmus von 1813? 1805 war es Zeit, edlen Enthusiasmus zu zeigen. Damals galt es, noch ehe man
selbst in Großem und Kleinem etwas verloren hatte,
Schmach und Verderben vom Vaterlande fernzuhal-
ten. Als nachher, wie zu gerechter Strafe, ein jeder
in seinem Hause geplagt und gepeinigt und, um ein
Wesentliches nicht zu vergessen, die französische
Armee in Rußland durch die Strafgerichte Gottes
vernichtet war – da war es keine Kunst, Enthusias-
mus zu zeigen.«
Der Tag von Austerlitz brach an, ehe Preußen sich
entschlossen hatte; nach diesem Tage war es unnö-
tig, noch kriegerische Entschlüsse zu fassen. Es blieb
Friede, freilich ein Friede wie Gewitterschwüle, und
Marwitz, nachdem er zum zweiten Male seinen Ab-
schied genommen, kehrte nach dem väterlichen Gu-
te zurück.
Die Erfahrungen der letzten Monate, die Schwäche,
die Halbheit, die Indifferenz, ja die ausgesprochene
französische Gesinnung, der er fast überall in der
Hauptstadt begegnet war, während schon die Napo-
leonischen Adler
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