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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Titel: Wanderungen durch die Mark Brandenburg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Theodor Fontane
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Stände anerkannt
    und mehr denn einmal der patriotischen Haltung
    derselben die königliche Anerkennung ausgespro-
    chen. Nichts konnte deshalb falscher und begriffs-
    verwirrender sein, als das Eintreten für ein derartig
    anerkanntes Recht auf Rebellion zu deuten. Daß es dennoch geschah, mag, wo nicht politische Berechnung und reformatorischer Eifer ein richtigeres Urteil
    trübten, als Beweis dienen für den Servilismus und
    die Indolenz jener Zeit.
    Noch einmal, das Recht war unbestreitbar auf seiten der Stände, und dieses ständische Recht war verletzt. Gegen diese Verletzung hatte Marwitz protes-
    tiert. Der Protest war mutig und ehrenhaft. Aber frei-
    lich, wenn er, außer dem persönlichen Zugeständnis,
    mutig und ehrenhaft gehandelt zu haben, auch noch
    Sympathien für die Sache wecken wollte, so mußte sich das Festhalten am Prinzip über den Verdacht
    einer Donquixoterie, einer bloßen Rechtsmarotte
    erheben. Auch das beste Recht, wenn es sich
    sträubt, einem neuen Platz zu machen, muß den
    Beweis erbringen, daß es mehr ist als ein toter Buch-
    stabe, als eine Last und ein Hemmnis. Es bleibt
    »Recht« auch ohne diesen Beweis, aber ein Recht,
    dem jeder wünscht, daß es dem formellen Unrecht
    unterliegen möge. Das fühlte Marwitz sehr wohl. Er
    verteidigte also das Ständische als ein äußerlich er-
    erbtes Gut, aber er hielt es auch aufrecht im vollen
    Glauben an die innerliche Berechtigung desselben.
    Dies führt mich von der einfachen Rechtsfrage auf
    das politische Gebiet.

    1205
    Mußte der alte ständische Bau fallen oder nicht? Mil-
    lionen sagten ja, Marwitz sagte nein. Für ihn handel-
    te sich alles um Wiederbelebung ; nicht Tod, nur Lähmung war über den alten, kräftigen Organismus
    des Landes gekommen; es galt, einen Bann, eine
    Krankheit von ihm zu nehmen, und alles war wieder
    gut. Nicht die Paragraphen und Institutionen, die
    Herzen der Menschen wollt er ändern; an die Stelle
    kleiner Gesinnung sollte hohe Liebe und idealer
    Schwung, an die Stelle philiströser Beschränktheit
    eine opferfreudige Begeisterung treten – so wollt er reformieren. Vortrefflich. Aber wie? wodurch? Um die
    Weckung oder Mehrung dieser Dinge hat es sich im-
    mer gehandelt. Wie wollte Marwitz an die Herzen
    heran, wie wollt er das Wunder vollziehen? Die Ant-
    wort auf diese Frage ist er schuldig geblieben. Er
    zeigte das Ziel, aber nicht den Weg. Die bloße Buß-
    predigt und ein langes Sündenregister haben noch
    nie geholfen. Hier liegt sein Fehler, sein politischer Fehler. Das Alte, ob mit Recht oder Unrecht, war
    jedem ein Greuel geworden; es war unmöglich, we-
    nigstens damals unmöglich, eine Begeisterung dafür zu wecken; wenn diese geweckt werden sollte, so
    mußt es für etwas Neues sein, selbst auf die Gefahr hin, daß es sich als ein Falsches erweisen würde. Es
    handelte sich zunächst nicht um gesunde Nahrungs -, sondern viel, viel mehr um Belebungs - und Erwe-ckungsmittel . Dies wußte Hardenberg, und in dem Sinne handelte er. Und dafür haben wir ihm zu danken.
    Der alte ständische Staat hatte dem Sturm nicht wi-
    derstanden, und ein neues Haus mußte bezogen

    1206
    werden, wenigstens auf Probe . Möglich, daß der Zu-sammensturz nicht an der Schlechtigkeit des alten
    Baues, sondern an der Heftigkeit des Sturmes gele-
    gen hatte, möglich das alles, aber die Verhältnisse
    gestatteten damals nicht, in die Diskussion solcher
    Fragen einzutreten. Rasche Hülfe war nötig. Dreißig
    Jahre später lagen die Dinge günstiger, und Friedrich
    Wilhelm IV. durfte bei seinem Regierungsantritte das
    Experiment wagen, den unterm Drang der Umstände
    kritiklos beiseite geworfenen ständischen Staat noch
    einmal auf seinen Wert und seine Stichhaltigkeit hin
    zu prüfen. Das Jahr 1846 brachte den Vereinigten
    Landtag. Ob die Formen, unter denen dieser ins Le-
    ben trat, ob namentlich die rheinische Bourgeoisie
    und ihr großer Einfluß dem Marwitzschen Ideal ent-
    sprochen hätten, muß freilich dahingestellt bleiben.
    Diese nur allzu begründeten Zweifel führen mich auf
    Marwitz' angreifbarsten Punkt, auf sein Verhältnis
    zum Bürgerstand . Er ließ den »Bürgerstand« gelten, soweit er in die alte ständische Institution hineinpaß-
    te, aber er haßte die »Gebildeten«. Und da die Bür-
    gerlichen zu jener Zeit überwiegend die Träger die-
    ser Bildung waren, so wurde daraus eine Verkleine-
    rung, eine völlig schiefe Stellung zum Bürgertum
    überhaupt. Daß ihm das damalige, von

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