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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Titel: Wanderungen durch die Mark Brandenburg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Theodor Fontane
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Revolutions-
    ideen erfüllte Bürgertum, das wenigstens hier und
    dort die Niederlage von Jena mit Befriedigung ver-
    nommen hatte, wenig sympathisch war, war ebenso
    begreiflich wie berechtigt, aber er verharrte in dieser Abneigung auch noch, als die Ereignisse des Jahres 1813, und zwar nicht nur die Erhebung des
    Volks , sondern ganz speziell die Begeisterung der 1207
    »Gebildeten«, ihm den Beweis geliefert hatte, daß
    auch ein Bücherwurm und Wissenschaftler für eine
    gute Sache zu fechten und zu sterben verstehe. Er
    selbst gab diese Dinge im einzelnen zu, aber dem
    ganzen Stande gegenüber blieb ihm das aristokrati-
    sche Vorurteil. Der Adel nahm in seinen Augen nicht
    nur politisch und gesellschaftlich, sondern auch mo-
    ralisch eine überlegene Sonderstellung ein; seine
    Gesinnung war besser, ebenso seine Haltung, und
    soviel Wahrheit und partielle Berechtigung, nament-
    lich angesichts unseres märkischen Spießbürger-
    tums, in dieser Auffassung liegen mochte, so führte
    dieselbe doch gelegentlich zu den allerbedenklichsten
    Konsequenzen. Eine Anekdote mag dies zeigen.
    Im Jahre 1806 traf unser Marwitz, wenige Tage vor
    der Jenaer Schlacht, im Schlosse zu Weimar mit
    Goethe zusammen. Wie schildert er nun diesen? »Er
    war ein großer, schöner Mann, der, stets im gestick-
    ten Hofkleide, gepudert, mit einem Haarbeutel und
    Galanteriedegen, durchaus nur den Minister sehen
    ließ und die Würde seines Ranges gut repräsentierte,
    wenngleich der natürlich freie Anstand des Vorneh-
    men sich vermissen ließ .« Also auch Goethe konnte sich in Haltung und Erscheinung nicht bis zur Ebenbürtigkeit erheben. Er war ein anstandsvoller Minis-
    ter und ein großer Poet, war der Freund seines Fürs-
    ten und der leuchtende Stern des Hofes, aber gebo-
    ren als ein Bürgerssohn zu Frankfurt, ließ er doch
    den »freien Anstand des Vornehmen vermissen«. Es
    gebrach ein unaussprechliches Etwas, vielleicht die
    Hohe Schule des Regiments Gensdarmes.

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    Und bei dieser Gelegenheit mög ein kleiner Exkurs
    gestattet sein. Es ist mit der Kunst des Anstands wie
    beispielsweise mit der Kunst des Reitenkönnens und
    vielleicht mit vielen andern Künsten. Jeder, Indivi-
    duum wie Nationen, glaubt im Besitze des Rechten
    zu sein. Die englischen Gentlemen sagen zu deut-
    schen Kavalieren: »Ihr seid die besten Reiteroffizie-
    re, aber ihr könnt nicht reiten«, und die deutschen
    Kavaliere erwidern dem englischen Gentleman: »Ihr
    versteht euer fox-hunting und steeple-chase, aber
    enfin, ihr könnt nicht reiten.« Und ein stilles Beden-
    ken mischt sich dabei von rechts und links her ein,
    daß dem diesseitigen perfekten Kavalier und dem
    jenseitigen perfekten Gentleman doch noch dies und
    das zu seiner Vollkommenheit fehle. Und wie mit der
    Kunst des Reitens, so mit der Kunst der feinen Sitte.
    Die Gesetze derselben sind überall verwandt, aber
    ihre Formen weichen voneinander ab. Da, wo noch
    an eine ausschließliche Form der Gesellschaft geglaubt wird, hat die Gesellschaft selbst ihre höchste
    Blüte noch nicht erreicht.
    In Standesvorurteilen, wie sie das Urteil über Goethe
    zeigt, war und blieb Marwitz befangen; aber er ver-
    fuhr auch hierin nach Überzeugung und stumpfte
    dadurch den Stachel des persönlich Verletzenden.
    Zudem hielt es nicht schwer, die Wurzel seines Irr-
    tums zu erkennen. Während er nämlich sich selbst
    als Repräsentanten des Adels nahm, nahm er den
    ersten besten Bürgerlichen als Repräsentanten des
    Bürgerstandes. Der Zufall wollte, daß er in sich
    selbst einen so vollkommenen Vertreter adeliger Ge-
    sinnung zur Hand hatte, daß, bei solchem Heraus-

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    greifen aufs Geratewohl, der Bürgerliche mit einer
    Art von Notwendigkeit zu kurz kommen mußte. Er
    vergaß eben, daß nicht jeder Adelige ein Marwitz war
    und daß viele Eigenschaften, die er an den »Gebilde-
    ten« haßte, nicht Sondereigenschaften des Bür-
    gerstandes, sondern allgemeine Eigenschaften der
    ganzen Epoche waren. So geißelte er das Auftreten
    eines eitlen, leckern und gesinnungslosen Histori-
    kers, der damals in den Berliner Salons vergöttert
    wurde, mit verdientem Spott, aber andere bürgerli-
    che Namen, die seines Beifalls würdig gewesen wä-
    ren, hätten ihm ebenso nah oder vielleicht näher
    gelegen. Ich nenne nur Fichte. Statt dessen sah er
    mit Vorliebe auf die Kluft, die freilich zwischen sei-
    nem eigenen Empfinden und jener schnöden Nied-
    rigkeit lag, die sich damals danach drängte,

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