Wanderungen durch die Mark Brandenburg
als
»Bürgergardist« vor Marschall Victor Schildwache zu
stehn.
Ängstliche Rücksichtnahme war nicht seine Sache,
wo es die Wahrheit oder wenigstens das galt, was ihm als Wahrheit erschien. Durch Freund und Feind
hin ging er seinen Weg. Die Furcht, anzustoßen, war
nicht seine Furcht. Selbstbewußtsein durchdrang ihn
und durft es, denn die Worte seines Testaments,
»daß er die ihm auferlegten Pflichten treulich erfüllt
und dabei sein eigenes irdisches Wohlsein für nichts
erachtet habe«, waren Worte der Wahrheit. Ver-
kannt, zurückgesetzt, verleumdet, hatten die Krän-
kungen, davon er genugsam erfahren, doch niemals
schwerer in seinem Herzen gewogen als das Gefühl
seiner Pflicht. Sooft es galt, war er da. Alles gab er
auf, alles setzte er ein, sooft die großen Interessen
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des Vaterlandes auf dem Spiele standen. Das Einste-
hen für das Ganze war seinem Herzen Bedürfnis, und
die höchsten Kräfte des Menschenherzens: Treue,
Pietät und Opferfreudigkeit, waren in seiner Seele
lebendig. Er war schroff nach außen, aber feinfühlig
im Gemüt. Das Leben, ungehoben und unverklärt
durch geistigen Gehalt, war ihm eine leere Schale;
die Idee allein gab allem Wert, und im Kampfe für sie hat er sein Leben hingebracht. Möglich, daß er in
diesem Kampfe geirrt; es würde nichts ändern an
der Wertschätzung, die seinem Streben gebührt.
Denn jedem selbstsuchtslos geführten geistigen
Kampfe gelten unsere Sympathien, und erst aus
Streben und Irren gebiert sich die Wahrheit. Auch
der Kampf, den Marwitz kämpfte, hat uns dieser nä-
her geführt.
»Er war«, so schließt ein Nekrolog, den befreundete
Hand geschrieben, »ein Mann von altrömischem Cha-
rakter, eine kräftige, gediegene Natur, ein Edelmann
im besten Sinne des Worts, der in seiner Nähe nichts
Unwürdiges duldete, allem Schlechten entschieden in
den Weg trat, Recht und Wahrheit verteidigte gegen
jedermann, der die Furcht nicht kannte und immer in
den Reihen der Edelsten und Besten zu finden war.
Alles Versteckte, Unklare und Erheuchelte war ihm
von Herzen zuwider. Wie er streng war gegen sich
selbst, war er es auch gegen andere. In Fleiß und
guter Wirtschaft, in Frömmigkeit und strenger Sitt-
lichkeit, in einem rechtschaffenen Wandel strebte er,
seiner Gemeinde ein Vorbild und Muster zu sein.«
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An ernstem Streben, an Ringen nach der Wahrheit,
an selbstsuchtsloser Vaterlandsliebe sei er Vorbild
und Muster auch uns .
Alexander von der Marwitz
Du hoffst umsonst vom Meere,
Vom Weltgetümmel Ruh;
Selbst Lorbeer, Ruhm und Ehre
Heilt keine Wunden zu .
Waiblinger
Blühend blieb mir im Gedächtnis
Diese schlanke Heldenblume;
Nie vergeß ich dieses schöne
Träumerische Jünglingsantlitz.
H. Heine
Alexander von der Marwitz war der jüngere Bruder
des Generallieutenants Ludwig von der Marwitz, des-
sen Leben und Charakter ich im vorhergehenden
Kapitel zu schildern versucht habe. Der Anfang die-
ses Jahrhunderts war eine Epoche der Dioskuren, der
glänzenden Brüderpaare: die beiden Humboldt, die
beiden Schlegel, die beiden Tieck, die beiden Bülow
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– zu ihnen gesellten sich die beiden Marwitz. Beide
Brüder waren von verwandter Naturanlage, von glei-
chem Temperament; beider Herz war groß und hatte
jenen hohen Vollschlag, der die Freiheit bedeutet.
Sie hatten eine verwandte Naturanlage, so sagt ich,
aber sie waren doch verschieden. Wie ein Adler war
der ältere Bruder. Himmel und Einsamkeit um sich her, sah er auf die irdischen Dinge wie auf etwas
Fremdes herab, wie auf das Treiben eines Lagers,
das morgen abgebrochen wird; Ziel und Heimat la-
gen ihm über der Welt, nicht auf ihr. Anders der jüngere Bruder. Einem gezähmten Falken glich er, und
früh an die Menschenwelt gewöhnt, blieb er in Zwie-
spalt, wo seine Heimat sei: ob hinter Gitterstäben,
wo die schöne Hand der Herrin ihm Spielzeug und
Schmeichelworte reichte, oder dort oben, wo die
lichten Wolken im blauen Äther ziehn. Sooft er in den
Lüften war, zog ihn die süße Gewohnheit zur Erde
zurück, sooft er auf der Erde war, zog ihn die einge-
borene Natur nach oben. Als er auf dem Punkte
stand, die Gegensätze zu versöhnen und in Freiheit
zu dienen , traf ihn der Tod. So starb er, »ein Hoffnungsvoller, ein Vielgeliebter«, wie die kriegsge-
schichtlichen Tagebücher jener Zeit ihn nennen.
Alexander von der Marwitz ward am 4. Oktober 1787
in Berlin geboren. Nach einer andern Angabe in
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