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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Titel: Wanderungen durch die Mark Brandenburg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Theodor Fontane
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als
    »Bürgergardist« vor Marschall Victor Schildwache zu
    stehn.
    Ängstliche Rücksichtnahme war nicht seine Sache,
    wo es die Wahrheit oder wenigstens das galt, was ihm als Wahrheit erschien. Durch Freund und Feind
    hin ging er seinen Weg. Die Furcht, anzustoßen, war
    nicht seine Furcht. Selbstbewußtsein durchdrang ihn
    und durft es, denn die Worte seines Testaments,
    »daß er die ihm auferlegten Pflichten treulich erfüllt
    und dabei sein eigenes irdisches Wohlsein für nichts
    erachtet habe«, waren Worte der Wahrheit. Ver-
    kannt, zurückgesetzt, verleumdet, hatten die Krän-
    kungen, davon er genugsam erfahren, doch niemals
    schwerer in seinem Herzen gewogen als das Gefühl
    seiner Pflicht. Sooft es galt, war er da. Alles gab er
    auf, alles setzte er ein, sooft die großen Interessen

    1210
    des Vaterlandes auf dem Spiele standen. Das Einste-
    hen für das Ganze war seinem Herzen Bedürfnis, und
    die höchsten Kräfte des Menschenherzens: Treue,
    Pietät und Opferfreudigkeit, waren in seiner Seele
    lebendig. Er war schroff nach außen, aber feinfühlig
    im Gemüt. Das Leben, ungehoben und unverklärt
    durch geistigen Gehalt, war ihm eine leere Schale;
    die Idee allein gab allem Wert, und im Kampfe für sie hat er sein Leben hingebracht. Möglich, daß er in
    diesem Kampfe geirrt; es würde nichts ändern an
    der Wertschätzung, die seinem Streben gebührt.
    Denn jedem selbstsuchtslos geführten geistigen
    Kampfe gelten unsere Sympathien, und erst aus
    Streben und Irren gebiert sich die Wahrheit. Auch
    der Kampf, den Marwitz kämpfte, hat uns dieser nä-
    her geführt.
    »Er war«, so schließt ein Nekrolog, den befreundete
    Hand geschrieben, »ein Mann von altrömischem Cha-
    rakter, eine kräftige, gediegene Natur, ein Edelmann
    im besten Sinne des Worts, der in seiner Nähe nichts
    Unwürdiges duldete, allem Schlechten entschieden in
    den Weg trat, Recht und Wahrheit verteidigte gegen
    jedermann, der die Furcht nicht kannte und immer in
    den Reihen der Edelsten und Besten zu finden war.
    Alles Versteckte, Unklare und Erheuchelte war ihm
    von Herzen zuwider. Wie er streng war gegen sich
    selbst, war er es auch gegen andere. In Fleiß und
    guter Wirtschaft, in Frömmigkeit und strenger Sitt-
    lichkeit, in einem rechtschaffenen Wandel strebte er,
    seiner Gemeinde ein Vorbild und Muster zu sein.«

    1211
    An ernstem Streben, an Ringen nach der Wahrheit,
    an selbstsuchtsloser Vaterlandsliebe sei er Vorbild
    und Muster auch uns .

    Alexander von der Marwitz

    Du hoffst umsonst vom Meere,
    Vom Weltgetümmel Ruh;
    Selbst Lorbeer, Ruhm und Ehre
    Heilt keine Wunden zu .
    Waiblinger
    Blühend blieb mir im Gedächtnis
    Diese schlanke Heldenblume;
    Nie vergeß ich dieses schöne
    Träumerische Jünglingsantlitz.
    H. Heine

    Alexander von der Marwitz war der jüngere Bruder
    des Generallieutenants Ludwig von der Marwitz, des-
    sen Leben und Charakter ich im vorhergehenden
    Kapitel zu schildern versucht habe. Der Anfang die-
    ses Jahrhunderts war eine Epoche der Dioskuren, der
    glänzenden Brüderpaare: die beiden Humboldt, die
    beiden Schlegel, die beiden Tieck, die beiden Bülow

    1212
    – zu ihnen gesellten sich die beiden Marwitz. Beide
    Brüder waren von verwandter Naturanlage, von glei-
    chem Temperament; beider Herz war groß und hatte
    jenen hohen Vollschlag, der die Freiheit bedeutet.
    Sie hatten eine verwandte Naturanlage, so sagt ich,
    aber sie waren doch verschieden. Wie ein Adler war
    der ältere Bruder. Himmel und Einsamkeit um sich her, sah er auf die irdischen Dinge wie auf etwas
    Fremdes herab, wie auf das Treiben eines Lagers,
    das morgen abgebrochen wird; Ziel und Heimat la-
    gen ihm über der Welt, nicht auf ihr. Anders der jüngere Bruder. Einem gezähmten Falken glich er, und
    früh an die Menschenwelt gewöhnt, blieb er in Zwie-
    spalt, wo seine Heimat sei: ob hinter Gitterstäben,
    wo die schöne Hand der Herrin ihm Spielzeug und
    Schmeichelworte reichte, oder dort oben, wo die
    lichten Wolken im blauen Äther ziehn. Sooft er in den
    Lüften war, zog ihn die süße Gewohnheit zur Erde
    zurück, sooft er auf der Erde war, zog ihn die einge-
    borene Natur nach oben. Als er auf dem Punkte
    stand, die Gegensätze zu versöhnen und in Freiheit
    zu dienen , traf ihn der Tod. So starb er, »ein Hoffnungsvoller, ein Vielgeliebter«, wie die kriegsge-
    schichtlichen Tagebücher jener Zeit ihn nennen.
    Alexander von der Marwitz ward am 4. Oktober 1787
    in Berlin geboren. Nach einer andern Angabe in

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