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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

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Titel: Wanderungen durch die Mark Brandenburg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Theodor Fontane
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Frie-
    dersdorf. Seine erste Erziehung erhielt er im elterli-
    chen Hause, teils in Berlin, teils auf dem Familiengut.
    Seinen Vater verlor er früh (1793), und sein zehn
    Jahre älterer Bruder, Friedrich August Ludwig, wur-
    de, wenn nicht dem Namen nach, so doch in Wirk-

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    lichkeit, sein Vormund. Das stete Wechseln im Auf-
    enthalt zwischen Berlin und Friedersdorf erwies sich
    nicht als günstig für die Erziehung des jüngeren Bru-
    ders, und so wurde derselbe im Sommer 1794 zum
    Hofprediger Arens in Küstrin in Pension gegeben.
    Arens, wohlunterrichtet, streng und gewissenhaft in
    seiner Methode, legte den Grund zu dem späteren
    ausgezeichneten Wissen seines Zöglings. Kaum vier-
    zehn Jahre alt, verließ dieser die Küstriner Schule,
    nahm in einer noch aufbewahrten, durch Gedanken-
    reife überraschenden Rede von Lehrern und Schülern
    Abschied und ging nach Berlin, wo er noch dritthalb
    Jahre lang das damals unter Gedikes Leitung ste-
    hende, höchst ausgezeichnete Gymnasium »Zum
    Grauen Kloster« besuchte. Er traf hier gute Gesell-
    schaft. Unter seinen Mitschülern befanden sich zu-
    nächst die Söhne von Büsching, Biester, Adelung und
    Koepke, ferner der älteste Sohn des damaligen O-
    bersten von Scharnhorst (welcher letztere kurze Zeit
    vorher in preußische Dienste getreten war) und end-
    lich der Sohn der Frau von Staël-Holstein1) , die,
    1803 nach Deutschland gekommen, ihren Wohnsitz
    in Berlin genommen hatte. Sprachliche und histori-
    sche Studien waren es, denen sich Marwitz schon
    damals mit ganzer Seele hingab. Johann von Müllers
    »Schweizergeschichte« machte einen solchen Ein-
    druck auf ihn, daß er, kaum sechzehn Jahr alt den
    berühmten Historiker aufsuchte, um ihm seinen
    Dank und seine Bewunderung auszudrücken.
    Dieser Schritt, unscheinbar auf den ersten Blick, gab
    ihm doch Gelegenheit, die Selbständigkeit seiner
    Denk- und Handelweise zu zeigen, die ihn später so

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    sehr auszeichnete. Sein älterer Bruder mißbilligte
    diese Bekanntschaft, wie aus der ziemlich unzwei-
    deutigen Beschreibung hervorgeht, die uns derselbe
    von der Person Johann von Müllers hinterlassen hat.
    »Johann von Müller«, so schreibt er, »war ein klei-
    nes, grundhäßliches Kerlchen mit einem Spitzbauch
    und kleinen Beinchen, einem dicken Kopf, immer
    glühend von vielem Fressen und Saufen, mit Glotz-
    augen, die weit aus dem Kopf herausstanden und
    beständig rot unterlaufen waren« etc. Aber so gern
    bereit der jüngere Bruder war, diesen ablehnenden
    Geschmack des älteren gelten zu lassen, so wenig
    war er doch andererseits geneigt, sich den Antipa-
    thien desselben unterzuordnen.
    Neben der Selbständigkeit seines Charakters trat
    hierin zugleich auch jener andere Zug seiner Natur
    hervor, der ihn, in Freud und Leid, unter den wech-
    selndsten Schicksalen und Stimmungen beherrschte:
    der Zug und Hang nach dem Geistreichen . Dieser
    Hang nahm, bevor die letzten Jahre seines Lebens
    eine Klärung und größere Reife schufen, fast die
    Form einer Krankheit an. Alles verschwand daneben.
    Um dies in ganzem Umfange zu verstehen, ist es
    nötig, sich in die Genialitätsbestrebungen, in die
    geistige Genußsucht jener Zeit zurückzuversetzen.
    Der bekannte Ausspruch Friedrichs des Großen, »daß
    er der Beschäftigung mit guten Büchern und geschei-
    ten Leuten die genußreichsten, wo nicht die einzig
    genußreichen Stunden seines Lebens verdanke«,
    schien plötzlich die Anschauung aller feinen Köpfe
    geworden zu sein; sie lebten wie im Theater und

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    horchten auf die besten Stellen . Die Personen waren nicht mehr Personen, sondern Akteurs ; alles kam auf die Unterhaltung, die Belehrung an, die sie gewährten. Der Witz, die geistreiche Sentenz, der Strom des
    Wissens, der Zauber der Rede lösten sich wie selb-
    ständige Kunstwerke vom Sprecher los, und in der-
    selben Weise, wie es uns, angesichts eines schönen
    Landschaftsbildes, nicht im geringsten kümmert, wer es gemalt hat, ob ein Vornehmer oder Geringer, ob
    eine saubere oder eine unsaubere Hand, so wog da-
    mals der Glanz geistiger Gaben alles auf. Ein Höcker,
    physisch oder moralisch, war gleichgültig, wenn es
    nur ein Äsop war, der ihn trug. Ein brennender Durst
    erfüllte die Geister, und wer diesen Durst stillte, der war willkommen. Es hätte für Vorurteil, für kleinlich
    und altfränkisch gegolten, moralische Bedenken zu
    unterhalten. Erst der Kriegssturm reinigte wieder die
    Atmosphäre.
    Die Gestalt des Prinzen Louis

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