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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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erzählen, was sich während der letzten Jahrtausende im Osten wie im Westen zugetragen hat, und zu erklären versuchen, warum die gesellschaftliche Entwicklung so und nicht anders verlaufen ist. In den Kapiteln 11 und 12 schließlich werde ich beide Geschichten zusammenführen. Das wird uns erklären, warum der Westen die Welt regiert und auch, was in nächster Zukunft geschehen wird.

|176| Kapitel 4
Der Osten holt auf
    Die Sache mit dem Elefanten
    Eine in Südasien althergebrachte Geschichte erzählt von sechs blinden Männern, die auf einen Elefanten stoßen. Der eine bekommt den Rüssel zu fassen und sagt, das ist eine Schlange; der nächste fühlt den Schwanz und hält ihn für ein Seil; ein dritter lehnt sich gegen ein Bein des Elefanten und glaubt, es sei ein Baum, und so weiter. Unwillkürlich denkt man an diese Fabel, sobald man sich mit den Theorien zur westlichen Vorherrschaft befasst. Gleich ob langfristige Determination oder kurzfristiges Ereignis: Wie jene Blinden tendieren die Vertreter beider Theorien dazu, den Teil des Ungetüms, dessen sie gerade habhaft wurden, für das Ganze zu halten. Schauen wir dagegen auf einen Index der gesellschaftlichen Entwicklung, werden uns die Schuppen von den Augen fallen. Kein Unsinn mehr über Schlangen, Seile oder Bäume. Jedem wird klar werden, dass er nur einen Teil des Elefanten in der Hand hält.
    Abbildung 4.1 fasst zusammen, was ich im zweiten Kapitel in kurzen Impressionen gezeigt habe. Am Ende der letzten Eiszeit ließen die klimatischen und ökologischen Bedingungen die gesellschaftliche Entwicklung im Westen früher beginnen als im Osten. Der Westen, daran konnte auch die Klimakatastrophe des Jüngeren Dryas nichts ändern, blieb eindeutig in Führung. Natürlich haben unsere Konturen für diese frühe Zeit vor 10   000 Jahren etwas von grobschlächtiger Schnitzerei mit der Kettensäge. Überhaupt lässt sich ein messbarer Wandel in der gesellschaftlichen Entwicklung im Osten über 4000 Jahre hinweg kaum ausmachen; selbst im Westen, wo das Entwicklungstempo um 11   000 v. u. Z. deutlich höher lag als um 14   000 v. u. Z., bleiben uns die Feinheiten dieser Veränderung verborgen. Das Licht, das der Index wirft, ist trüb und flackert, andererseits ist ein wenig Licht immer noch besser als gar keines, und es enthüllt zumindest eine bedeutsame Tatsache: So, wie es die Theoretiker langfristiger Determination voraussagen, hatte der Westen einen Startvorsprung und konnte diesen halten.
    Weniger eindeutig ist Abbildung 4.2, die die Geschichte von 5000 bis 1000 v. u. Z. fortschreibt. Sie unterscheidet sich von Abbildung 4.1 kaum weniger als ein Seil von einer Schlange. Wie Seil und Schlange ähneln sich auch die beiden Grafiken: In beiden liegen die Werte für Ost und West am Ende auf höherem |177| Niveau als zu Beginn der betrachteten Periode, in beiden liegen die westlichen Werte durchgängig über den östlichen. Doch nicht weniger augenfällig sind die Unterschiede. Erstens steigen die Linien in Abbildung 4.2 sehr viel steiler an als in 4.1. In den 9000 Jahren zwischen 14   000 und 5000 v. u. Z. verdoppelt sich der Wert für den Westen, der für den Osten steigt um zwei Drittel; in den folgenden 4000 Jahren jedoch – noch nicht einmal die Hälfte des Zeitraums, den Abbildung 4.1 abdeckt – verdreifacht sich der westliche Wert, der für den Osten steigt um das Zweieinhalbfache. Zweitens sehen wir, dass die Rate der gesellschaftlichen Entwicklung im Westen nach 1300 v. u. Z. zum ersten Mal in der Geschichte sinkt.
    [Bild vergrößern]
    Abbildung 4.1: Das Bild des bisherigen Geschehens
    Die frühe Führung des Westens in der gesellschaftlichen Entwicklung zwischen 14   000 und 5000 v. u. Z., wie in Kapitel 2 beschrieben.
    Das möchte ich in diesem Kapitel erklären. Ich werde zeigen, dass Beschleunigung und, nach 1300 v. u. Z., Verlangsamung der Entwicklung im Westen zwei Seiten des gleichen Vorgangs sind. Ich nenne dies das Paradox gesellschaftlicher Entwicklung. Es spielt, wie wir in den anschließenden Kapiteln sehen werden, eine bedeutende Rolle für die Erklärung, warum der Westen die Welt regiert, ebenso für die Voraussage dessen, was in Zukunft geschehen wird. Bevor wir allerdings dazu kommen, müssen wir das Geschehen zwischen 5000 und 1000 v. u. Z. genauer betrachten.

    [Bild vergrößern]
    Abbildung 4.2: Vorwärts, aufwärts, weiter auseinander, näher zusammen
    Beschleunigung, Divergenz und Konvergenz der gesellschaftlichen Entwicklung im

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