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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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Osten und im Westen, 5000–1000 v. u. Z.
    Direkter Draht zu den Göttern
    Zwischen 14   000 und 5000 v. u. Z. verdoppelten sich die Punktwerte der gesellschaftlichen Entwicklung im Westen. Die Dörfer der Ackerbauern verbreiteten sich aus ihrer Ursprungsregion bis tief hinein nach Zentralasien und weit in Richtung Atlantikküsten. Mesopotamien jedoch war vom Ackerbau auch um 5000 v. u. Z. noch kaum berührt worden, obwohl zwischen dem »Land zwischen den Strömen«, das wir heute Irak nennen, und dem Fruchtbaren Halbmond nur ein paar Tagesmärsche liegen (Abbildung 4.3).
    Eigentlich ist das gar nicht so erstaunlich. Seit 2003, als der Irak mit der Invasion der »Willigen« in den Blickpunkt gerückt ist, hören wir in den Nachrichten immer wieder von den rauen Umweltbedingungen, die dort herrschen. Im Sommer steigen die Temperaturen auf fast 50° Celsius, es regnet so gut wie nie, von allen Seiten her drängen Wüsten heran. Nur schwer lässt sich vorstellen, warum sich dort überhaupt jemals Bauern niedergelassen haben. Schließlich war es um 5000 v. u. Z. in Mesopotamien noch heißer als heute, allerdings auch feuchter. Das Problem der Ackerbauern war nicht so sehr, Wasser zu finden, ihr Problem war, es zu regulieren. Monsunwinde brachten einigen Regen vom Indischen Ozean, doch kaum genügend für den Ackerbau. Erst als es den Bauern gelungen war, die Sommerfluten der beiden mächtigen Ströme Tigris und Euphrat zu bändigen und Wasser rechtzeitig auf die Felder zu leiten, um ihre Pflanzen zu düngen und zu bewässern, standen ihnen unendliche Möglichkeiten offen. Das setzte allerdings die Entwicklung völlig neuer Ackerbautechniken voraus. Wer im Zweistromland Felder bestellen wollte, musste von Grund auf neu anfangen. Über 20 Generationen hinweg zogen die Menschen Kanäle und Gräben, legten Vorratsbecken an und verbesserten diese Anlagen immer wieder. Ganz allmählich machten sie so das karge Land Mesopotamiens bewohnbar und zuletzt sogar produktiver, als es das im Fruchtbaren Halbmond je gewesen war. Sie veränderten damit die Bedeutung geographischer Verhältnisse.

    [Bild vergrößern]
    Abbildung 4.3: Die Expansion des westlichen Kerngebiets, 5000–1000 v. u. Z.
    Stätten und Regionen, die in diesem Kapitel behandelt werden.
    |180| Wirtschaftswissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang manchmal von den Vorteilen der Rückständigkeit. Wenn Völker Techniken, die in einem weiter entwickelten Kernland funktionierten, den Bedingungen eines weniger entwickelten Randgebiets anpassen, dann erweisen sich die eingeführten Veränderungen manchmal als derart produktiv, dass aus dem Randgebiet ein Kernland eigener Art wird. Genau das geschah um 5000 v. u. Z. im südlichen Mesopotamien. Kunstvolle Kanalsysteme sicherten die Lebensgrundlage für einige der größten Dörfer der damaligen Welt, Siedlungen mit möglicherweise über 4000 Seelen. Lebten Menschen in solcher Zahl zusammen, konnten sie auch kunstvollere Tempel bauen. Und in Eridu, in einer dieser Siedlungen, fanden sich tatsächlich Spuren mehrerer Tempel, die zwischen 5000 und 3000 v. u. Z. auf übereinanderliegenden Ziegelsteinterrassen errichtet worden waren, wobei die neueren Bauten zwar der älteren architektonischen Grundanlage folgten, mit der Zeit aber immer größer und schmuckvoller wurden.
    Mesopotamien entwickelte sich so vorteilhaft, dass nun Völkerstämme in den alten Kerngebieten des Fruchtbaren Halbmonds die dynamischen Gesellschaften der Schwemmlandebenen nachzubilden begannen. Um 4000 v. u. Z. übertrafen die Bewohner von Susa, auf einer Hochebene im Südwesten des heutigen Iran gelegen, sogar die Baumeister von Eridu: Sie errichteten eine Terrasse mit einer Seitenlänge von 76 Metern und einer Höhe von neun Metern. Darauf erhob sich wahrscheinlich ein großer Tempel, von dem allerdings jede Spur fehlt, denn die Ausgräber des 19. Jahrhunderts nahmen es mit den Feinheiten archäologischer Techniken noch nicht so genau und verwüsteten die Grabungsstätte. Doch bei all ihrem Ungeschick konnten nicht einmal sie alle die Hinweise auf eine zunehmend komplexere Organisation der dortigen Gesellschaften übersehen, darunter einige der weltweit frühesten Kupferornamente, Siegel und Abdrücke in Ton, die wohl auf eine Art Güterverwaltung hinweisen. Manche Wissenschaftler interpretieren die bildlichen Darstellungen als Priesterkönige. In Susa, das deutlich größer war als die umliegenden Siedlungen, residierte, so die Vorstellung mancher

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