Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden
Verwaltung – das war die entscheidende Antwort auf den Klimawandel. Um 3300 v. u. Z. ritzten die Menschen so genaue Aufzeichnungen über ihre Tätigkeiten in kleine Tontäfelchen, dass die meisten Archäologen nicht mehr von Symbolen, sondern von Schrift sprechen (auch wenn nur eine winzige Schreiberelite lesen konnte). Kleine Dörfer, die solch anspruchsvolle Projekte nicht stemmen konnten, gingen unter; eine Siedlung aber, nämlich Uruk, wurde zu einer wirklichen Stadt mit möglicherweise 20 000 Einwohnern.
Mesopotamier erfanden Management, Meetings und Memoranden, – diesen Fluch im Leben vieler von uns, und sicher kein Stoff für erhebende Erzählungen über menschliche Errungenschaften. Und doch gehörten, wie die nächsten Kapitel zeigen werden, gerade solche Organisationsleistungen zu den bedeutendsten Motoren gesellschaftlicher Entwicklung. Organisation machte, ob im Fruchtbaren Halbmond oder an den Ufern des Gelben Flusses, aus den Dörfern Städte, Staaten und Reiche; Missorganisation verursachte ihren Untergang. Manager sind beides, die Helden und die Schurken unserer Geschichte.
Das Management wurde geboren, als die Monsunregen ausblieben, und das muss eine traumatische Erfahrung gewesen sein. Wir sollten uns Züge verdreckter, niedergeschlagener, hungriger Menschen vorstellen, die unter einem Himmel voller Staub nach Uruk schlichen – wie die Wanderarbeiter aus Oklahoma in den 1930er Jahren, aber ohne deren alte Autos und ganz sicher ohne New Deal. Wir sollten uns aber auch wütende Dorfbewohner vorstellen, die nicht bereit waren, aufgeblasenen Bürokraten Macht einzuräumen, wenn diese auf ihre Felder oder Früchte zugriffen. Es wird häufiger zu Gewaltausbrüchen gekommen sein. Auch Uruk hätte daran zugrunde gehen können, wie gewiss viele andere rivalisierende Städte.
Wir werden nie genau erfahren, wie die ersten Manager Uruk durchbrachten; Archäologen nehmen jedoch an, dass die erfolgreichen Verwalter und Organisatoren |183| mit den Tempeln verbunden waren. Viele Funde weisen in diese Richtung, stützen einander wie die Stangen eines Indianerzelts. Grabungen bei Tempeln haben etwa massenweise unverzierte, kegelstumpfförmige Schüsseln immergleicher Größe zu Tage gefördert, wahrscheinlich Maßbecher zum Verteilen von Lebensmitteln. Auch die meisten der frühen Tontäfelchen mit grob geritzten Symbolen stammen aus Tempeln; und auf ihnen findet sich das Symbol für »Ration«: nämlich die Strichzeichnung einer solchen Schüssel. Bald hatte sich das Schriftsystem so weit entwickelt, dass komplexere Informationen festgehalten werden konnten, und die Tafeln erzählen uns, dass die Tempel über große Flächen bewässerten Landes verfügten sowie über die Arbeitskräfte, um dieses Land zu bestellen.
Die Tempel selbst wuchsen in kurzer Zeit zu riesigen Monumentalbauten, gegen welche die Gemeinden, die sie errichteten, zwergenhaft erscheinen. Lange Treppenfluchten führten 30 Meter hinauf in umfriedete Bereiche, in denen Spezialisten Rat bei den Göttern suchten. Sieht man die Heiligtümer aus dem 10. Jahrtausend v. u. Z., von denen in Kapitel 2 die Rede war, als Verstärker für die Botschaften an die Geister, dann muss man sich das mächtige Sanktuarium Uruks aus dem 4. Jahrtausend wie eine Beschallungsanlage vorstellen, mit der Led Zeppelin und Bands ähnlichen Kalibers zufrieden gewesen wären. Götter, die das nicht hörten, müssen taub gewesen sein.
Es war diese Art der Anrufung, die mich ursprünglich zur Archäologie gezogen hat. 1970 nahmen mich meine Eltern mit ins Kino, gezeigt wurde eine Verfilmung von Edith Nesbits Klassiker
Die Eisenbahnkinder
. Der Film hat mir bestimmt gefallen, »umgehauen« aber, wie man damals sagte, hat mich der kurze Vorfilm. Bis zu jenem Abend war ich besessen von Apollo 11, wollte unbedingt Astronaut werden. Doch nach jenem B-Movie, einer Art Dokumentarfilm nach Erich von Dänikens Buch
Erinnerungen an die Zukunft
, war mir klar: Für mich gab es nur eines, die Archäologie.
Von Dänikens Buch erschien 1968, im selben Jahr wie Arthur C. Clarkes
2001: Odyssee im Weltraum
. Beide Autoren wollen uns weismachen, Besucher aus dem All seien vor Urzeiten auf der Erde gelandet und hätten die Menschheit in ihre Geheimnisse eingeweiht. Von Däniken freilich, anders als Clarke, will seine Geschichte erstens nicht erfunden haben, und er behauptet zweitens, die Weltraumbesucher kämen immer wieder auf die Erde. Sie hätten die Baupläne geliefert für
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