Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden
der Uruk-Kultur ein abruptes Ende. Die Stadt selbst brannte nieder, und viele der Stätten, die der Uruk-Kultur zuzurechnen sind, wurden aufgegeben. Der Grund bleibt rätselhaft. Um 2700 v. u. Z., als die Texte zunehmend ausführliche Aufzeichnungen enthielten, lebten die Südmesopotamier, die sich nun Sumerer nannten, in 35 Stadtstaaten, jeder mit einem eigenen gottähnlichen König. Nach Auflösung des Reiches Uruk wurde das vereinigte Ägypten zum Hauptentwicklungskern des Westens.
Auch warum Mesopotamien und Ägypten sich so unterschiedlich entwickelten, bleibt im Dunkel. Vielleicht war Ägypten – es bestand aus einem Flusstal, |187| dem Delta und wenigen Oasen und war rings von Wüste umgeben – einfacher zu erobern und zu halten als Mesopotamien mit den zwei Flüssen, mit Tributpflichtigen, unter denen Widerstand gären konnte, und rings umgeben von einer Berglandschaft voller möglicher Rivalen. Vielleicht haben Narmer et al. auch nur richtigere Entscheidungen getroffen als die namenlosen Könige von Uruk. Möglicherweise waren auch völlig andere Faktoren entscheidend. (Ich komme auf diesen Punkt zurück.)
Noch einen gewichtigen Unterschied zwischen Mesopotamien und Ägypten gab es. Sumerische Könige behaupteten, den Göttern
ähnlich
zu sein, ägyptische Pharaonen beanspruchten
Gottgleichheit
. Die Film- und Fernsehserie
Stargate
, ein Spin-off der Bücher von Dänikens, liefert eine simple Erklärung: Narmer und Co., erfahren wir dort, seien Menschen aus dem All gewesen, die Könige von Uruk nur deren Freunde. Das hat etwas erfrischend Unkompliziertes. Belege dafür gibt es leider keine, aber eine Menge Hinweise auf die vielen Anstrengungen der Pharaonen, die Vorstellung ihrer Göttlichkeit zu verbreiten.
Für viele von uns grenzt Selbstvergöttlichung ans Psychotische; der Vorgang wird, wie zu vermuten ist, auch für die Menschen vor 5000 Jahren nicht trivial gewesen sein. Wie also vollzog sich das? Narmer selbst und seine Freunde haben keine einschlägigen Berichte hinterlassen (schließlich müssen sich Götter nicht erklären), doch spätere Berichte über den makedonischen König Alexander den Großen liefern einige erhellende Hinweise. Alexander eroberte Ägypten 332 v. u. Z. und proklamierte sich zum Pharao. Und so, wie er in Machtkämpfe mit rivalisierenden Heerführern verwickelt war, wird es ihm hilfreich erschienen sein, die Sage zu streuen, auch er sei, wie die früheren Pharaonen, ein Gott. Nur wenige Makedonier nahmen das wirklich ernst, also erhöhte Alexander den Einsatz. Als sein Heer bis ins Gebiet des heutigen Pakistan gezogen war, ließ er zehn örtliche Weise zu sich rufen und befahl ihnen – bei Strafe ihres Todes –, die Fragen zu beantworten, die ihn am meisten quälten. Als der siebte Weise an der Reihe war, fragte Alexander: »Wie kann ein Mensch zum Gott werden?« Die Antwort des Philosophen war einfach und schlicht: »Wenn er etwas tut, was einem Menschen zu tun unmöglich ist.« 1 Alexander dachte eine Weile nach: Kannte er irgendwen, der in letzter Zeit etwas vollbracht hatte, was kein Mann hätte tun können? Die Antwort, die er sich selbst gegeben haben könnte, liegt nahe: »Ja, ich selbst. Habe ich nicht soeben das Persische Reich unterworfen? Kein Sterblicher wäre dazu in der Lage. Ich bin ein Gott, und keine Verzagtheit sollte mich mehr davon abhalten, meine Freunde zu erschlagen, wenn sie mir widersprechen.«
Alexander oder seine Gefolgsleute könnten das Ganze auch erfunden haben, doch kommt es auf die Wahrheit dieser Geschichte weniger an als auf das Faktum, dass ein König in den 320er Jahren v. u. Z. die Vorstellung seiner Göttlichkeit am besten verkaufen konnte, indem er auf seine heroische Tapferkeit, seinen Heldenmut verwies. Wir können nur darüber spekulieren, ob sich dies 3000 Jahre zuvor ebenso verhielt. Immerhin hatten auch Narmer/Menes/Skorpion, als sie |188| das Nil-Tal vereinigten, etwas geleistet, was von Sterblichen nicht zu erwarten war. Möglicherweise wurde Selbstvergöttlichung gerade dadurch plausibel, dass die Figuren eines großen Eroberers und eines gottgleichen Königs verschmolzen wurden.
Doch war dies nicht der einzige Coup, den die Pharaonen landeten. Schon die ersten Könige Oberägyptens müssen Managerfähigkeiten entwickelt haben, denn auch sie – wie die Könige von Uruk – brachten Menschen dazu, ihre Ressourcen abzuliefern und eine zentrale Verwaltung zu akzeptieren. Und es gelang ihnen, die lokalen Eliten aus dem
Weitere Kostenlose Bücher