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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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Flucht und Mangel) schickte den Westen auf eine wilde Reise, die tausend Jahre dauern sollte. Und wenn wir fragen, wer oder was die gesellschaftliche Entwicklung zusammenbrechen ließ, kommen wir auf eine überraschende Antwort: Ursache war die gesellschaftliche Entwicklung selbst.
    Um ihr Los zu verbessern, hatten die Menschen stets vor allem eine Möglichkeit: Sie mussten Wissen, Waren und sich selbst an andere Orte bringen. Was an einer Stelle im Überfluss vorhanden war, mochte anderswo selten – und damit wertvoll – sein. Daraus entwickelten sich zunehmend komplexere Netze, die Gemeinschaften miteinander verbanden und alle Ebenen der Gesellschaften miteinbezogen. Vor 4000 Jahren gehörte den Tempeln und Palästen ein Gutteil der besten Böden. Sie wurden nicht unter Bauernfamilien aufgeteilt, damit diese dort für ihren Eigenbedarf produzieren konnten, sondern zentralisierte Bürokratien belegten das Land mit Beschlag und bestimmten, was angebaut werden sollte. Eine Dorfgemeinschaft mit guten Ackerböden baute zum Beispiel ausschließlich Weizen an, in einem anderen Dorf, das an einem Hang lag, wurden Weinberge kultiviert, ein drittes spezialisierte sich auf Metallarbeiten. Die Beamten verteilten die Produkte um: sahnten ab, was sie selbst brauchten, legten Speicher an für Notzeiten und gaben den Rest als Rationen aus. Um 3500 v. u. Z. in Uruk entstanden, war dies Verfahren 1000 Jahre später die Norm.
    Könige tauschten, auf sehr eigennützige Weise, untereinander Geschenke. Ägyptens Pharaonen, reich an Gold und Korn, ließen diese Güter kleineren Stadtregenten im heutigen Libanon zukommen, die sich mit duftendem Zedernholz revanchierten, denn in Ägypten fehlte es an Holz. Wer versäumte, das angemessene Geschenk zu machen, beging einen schweren
faux pas
. Der Austausch von Geschenken folgte dem Statusstreben ebenso wie wirtschaftlichen Interessen und war dabei ein ziemlich effektives Mittel, Güter, Menschen und Ideen zu bewegen. Die Könige am Ende solcher Ketten und die vielen Händler dazwischen vergrößerten ihren Reichtum.
    Heute gehen wir davon aus, dass »Planwirtschaften« mit einem König, einem Diktator oder einem Politbüro an der Spitze, die allen anweisen, was sie zu tun haben, eher ineffektiv sind; die meisten frühen Zivilisationen jedoch basierten auf einem solchen System. In einer Welt, in der man einander nicht traute und in der es keine Gesetze gab, die die Märkte regulierten, mochte dies das genau richtige sein. Aber es war nicht die einzige Möglichkeit, denn neben den königlichen und priesterlichen Unternehmungen florierten auch kleinere unabhängige Händler und Kaufleute. Nachbarn tauschten untereinander, Käse gegen Brot, Hilfe beim Bau einer Latrine gegen Kinderhüten. Land- und Stadtbewohner trieben Handel auf Märkten. Fahrendes Volk lud Töpfe und Tiegel auf Esel und zog umher. Und an den Grenzen eines Reiches, dort, wo die bestellten Felder in Wüsten oder Berge übergingen, tauschten Dorfbewohner mit Hirten oder Nomaden Brot und Bronzewaffen gegen Milch, Käse, Wolle und Tiere.
    |192| Den bekanntesten Bericht dazu finden wir in der Bibel. Jakob lebte als erfolgreicher Hirte in den Bergen bei Hebron, im heutigen Westjordanland. Zwölf Söhne hatte er, Joseph aber, seinen Zweitjüngsten, liebte er am meisten und ließ ihm ein besonderes Gewand ( »einen Ärmelrock«) anfertigen. Das weckte Missgunst unter Josephs zehn älteren Brüdern, und sie verkauften ihn an Sklavenhändler, die auf dem Weg nach Ägypten gerade vorbeizogen. Einige Jahre später, als in Kanaan Not und Hunger herrschten, entsandte Jakob seine zehn ältesten Söhne nach Ägypten, um dort Korn zu kaufen. So trafen sie, ohne ihn zu erkennen, auf ihren Bruder Joseph, der inzwischen oberster Hofbeamter des Pharao geworden war. Wunderbar lässt die biblische Erzählung erkennen, wie schwierig zu entscheiden war, ob man einem Händler trauen konnte oder nicht. Denn es überraschte die Brüder keineswegs, als Joseph, von ihnen noch immer unerkannt, diese unter dem Vorwand, sie seien Spione, in den Kerker werfen ließ. Die Geschichte endet dennoch glücklich, und Stammvater Jakob, alle seine Söhne, ihre Haushalte und Herden zogen nach Ägypten: »Sie wurden dort ansässig, waren fruchtbar und vermehrten sich sehr.« 2
    Die Josephsgeschichte wurde vermutlich im 16. Jahrhundert v. u. Z. niedergeschrieben, als Völker, deren Namen verloren sind, bereits seit 2000 Jahren dem gleichen Drehbuch folgten. Amoriter aus

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