Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden
2150 v. u. Z. waren die Reiche Ägyptens und Akkads in diverse Kleinstaaten zerfallen, die zahllose Kriege führten: um die knapper werdenden Erträge der Bauern, gegen Gesetzlose, aber auch untereinander. Einige Kriegsherren kamen zu Reichtum und Macht, doch die überlieferten Texte klingen durchweg verzweifelt. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Krise auch jenseits der Kernregionen |194| spürbar wurde. Allerdings können Archäologen nur schwer feststellen, ob und wie Ereignisse in einer Region mit denen in anderen zusammenhängen, und wir sollten simple Koinzidenzen niemals ausschließen. Andererseits lässt sich kaum übersehen, dass ein allgemeines Muster die Ereignisse zwischen 2200 und 2150 v. u. Z. miteinander verbindet: die Zerstörung der Großbauwerke in Griechenland, das Ende der Tempel auf Malta und die Aufgabe der befestigten Küstenstädte in Spanien.
Die größer und komplexer gewordenen Systeme des westlichen Kerngebiets waren abhängig vom regelmäßigen Fluss von Menschen, Waren und Nachrichten, plötzliche Veränderungen aber stoppten diesen Austausch. Störungen wie Dürren oder die Völkerwanderungen nach 2200 v. u. Z. mussten nicht unbedingt ins Chaos führen, ließen aber die Würfel der Geschichte rollen. Kurzfristig konnte alles Mögliche geschehen. Hätte Pepi I. einen Ratgeber wie Joseph gehabt oder wäre er bei Ausbruch der Krise jünger gewesen, er hätte aus den schweren Zeiten vielleicht Vorteile ziehen können. Und wenn Scharkalischarri sich mit seinen Heerführern und Priestern besser hätte arrangieren können, dann hätte sein Reich vielleicht überdauert. Tatsächlich aber konnte die Stadt Ur den Zusammenbruch Akkads ausnutzen, es kam zur Gründung eines neuen Reiches, das kleiner war als das von Akkad, uns aber besser bekannt ist, denn seine Beamten produzierten geradezu wie besessen Steuerquittungen. 40 000 sind dokumentiert, Tausende warten noch auf Auswertung.
Schulgi, der 2094 v. u. Z. den Thron von Ur bestieg, erklärte sich, alten Traditionen folgend, zum Gott und institutionalisierte einen Personenkult. Ihm verdankt Ur eine neue Form der Beweihräucherung, die Schulgi-Hymne, die seine Fähigkeiten – von der Sangeskunst bis zur Wahrsagerei – pries und nicht viel anders klang als die nervtötenden Hymnen auf Nordkoreas Diktator Kim Jong-il. Dennoch dauerte es nach Schulgis Tod 2047 v. u. Z. nur wenige Jahre, bis auch sein Reich in sich zusammenbrach. In den 2030er Jahren v. u. Z. wurden die permanenten Überfälle zu einem derart großen Problem, dass die Leute von Ur eine 160 Kilometer lange Mauer errichteten, um die Amoriter aus dem Land zu halten. Ab 2028 v. u. Z. aber entzogen sich die Städte dem Steuersystem von Ur, und um 2020 v. u. Z. brachen die Staatsfinanzen zusammen. Wie bereits beim Untergang von Akkad wütete der Hunger, einige Heerführer versuchten, Korn zu beschlagnahmen, andere erklärten sich für unabhängig. »Hunger durchströmt die Stadt wie Wasser«, heißt es in den sumerischen
Klageliedern über Ur
. »Seine Menschen sind wie vom Wasser umgeben, sie ringen um Atem. Sein König atmet schwer in seinem Schloss, völlig allein, seine Leute legten die Waffen ab …« 4 2004 v. u. Z. wurde die Stadt geplündert und der letzte König in die Sklaverei geschickt.
Mesopotamien brach auseinander, Ägypten dagegen fand wieder zu neuer Einheit. Die Hohepriester von Theben, die sich in Oberägypten inzwischen zu Königen aufgeschwungen hatten, besiegten 2056 v. u. Z. ihre Rivalen und beherrschten |195| ab 2040 v. u. Z. das gesamte Nil-Tal. So befand sich die westliche Kernregion um 2000 v. u. Z. fast wieder in dem Zustand, der tausend Jahre zuvor geherrscht hatte: Ägypten war unter einem Gottkönig vereinigt, Mesopotamien aufgespalten in Stadtstaaten mit allenfalls gottähnlichen Königen.
Damals, tausend Jahre früher, hatte der wilde wirre Ritt des Westens bereits einige der grundlegenden Kräfte erkennen lassen, welche die gesellschaftliche Entwicklung vorantreiben. Entwicklung ist weder Segen noch Fluch, die der Menschheit durch Clarkes Monolithen oder von Dänikens Weltraumbesucher auferlegt worden wäre. Wir selbst sind es, die diese Entwicklung bewirken, wenn auch nicht auf Wegen, die wir uns selbst aussuchen könnten. Wie ich in der Einleitung geschrieben habe, ist deren Quintessenz, dass wir faul, gierig und ängstlich sind, stets auf der Suche nach Wegen, unsere Angelegenheiten einfacher, effektiver und verlässlicher zu regeln. Vom
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