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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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Aufstieg Uruks bis zur von Theben ausgehenden Wiedervereinigung Ägyptens, immer wieder waren es Faulheit, Habsucht und/oder Furcht, die der Entwicklung einen Schub nach oben gaben. Doch die Menschen können die Dinge nicht in jede von ihnen gewünschte Richtung schubsen; jeder ihrer Anstöße erfolgt auf Grundlage aller vorangegangenen. Gesellschaftliche Entwicklung vollzieht sich kumulativ, und jeder Schritt, der Zuwachs bringen sollen, muss in die vorgegebene Richtung gehen. Die Häuptlinge von Uruk hätten um 3100 v. u. Z. die Art der Bürokratie, deren sich Ur unter Schulgi ein Jahrtausend später rühmte, nicht aufbauen können, ebensowenig wie Wilhelm der Eroberer im England seiner Zeit hätte Computer erfinden können. »You can’t get there from here«, sagen die Yankees. Das kumulative Muster erklärt auch, warum sich Fortschritte in der gesellschaftlichen Entwicklung beschleunigen. Jede Neuerung gründet auf früheren und bereitet spätere mit vor, und das wiederum bedeutet: Je weiter die gesellschaftliche Entwicklung fortschreitet, desto schneller kann sie wachsen.
    Prozesse der Erneuerung allerdings sind niemals sanft und störungsfrei verlaufen. Neuerung heißt Wandel, bringt Freude und Schmerz gleichermaßen. Es gibt immer Gewinner und Verlierer, neue Klassen von Reichen und Armen, neue Beziehungen zwischen Männern und Frauen, Alten und Jungen. Neuerung führt sogar zur Verlagerung des eigentlichen Kerngebiets, wenn nämlich Vorteile der Rückständigkeit sich auszahlen und die Peripherie zum neuen Zentrum wird. Mit zunehmender Entwicklung werden die Gesellschaften größer, komplizierter, es wird schwerer, sie zu lenken; je höher die Entwicklung, desto größer auch die Risiken. Daher das Paradox: Gesellschaftliche Entwicklung bringt stets zugleich die Kräfte hervor, die sie untergraben. Geraten diese Kräfte außer Kontrolle, kann dies – vor allem dann, wenn eine sich wandelnde Umwelt zusätzliche Unsicherheiten mit sich bringt – zu Chaos, Zerstörung und Zusammenbruch führen, wie um 2200 v. u. Z. geschehen. Und wie wir in den folgenden Kapiteln sehen werden: Das Paradox der gesellschaftlichen Entwicklung erklärt, warum Theorien langfristiger Determination nicht korrekt sein können.
    |196| Die internationale Periode
    Das Chaos war groß, in das der Westen nach 2200 v. u. Z. stürzte, dennoch war es kein Sturz in die Finsternis. Die Zusammenbrüche dieser Epoche lassen sich in Abbildung 4.2 noch nicht einmal erkennen. 1* Die dortige Darstellung wird dem Ausmaß der Zerstörungen gewiss nicht gerecht, aber zugleich ist auch klar: Um 2000 v. u. Z. liegt der Grad gesellschaftlicher Entwicklung im Westen um fast die Hälfte höher als 1000 Jahre zuvor. Und er stieg weiter, die Gesellschaften des Westens wuchsen und wurden komplexer.
    Auch in anderer Hinsicht änderten sich die Hauptentwicklungsgebiete. Nach 2000 v. u. Z. erklärte sich kein mesopotamischer Herrscher mehr zum Gott, und selbst in Ägypten schmolz das Selbstvertrauen der Pharaonen dahin. Sowohl die Statuen des 2. Jahrtausends v. u. Z. als auch die Lobgesänge zeigen die Herrscher kriegerischer als die des 3. Jahrtausends, zugleich aber enttäuscht und sogar der Welt überdrüssig. Und in einem damit wohl verbundenen Prozess schrumpfte die Staatsmacht: Zwar blieben Tempel und Paläste bedeutend, doch Land und Handel gerieten zunehmend in private Hand.
    Dass die Rückschläge nicht auch die Uhr zurückdrehten, hatte den wesentlichsten Grund in der Ausdehnung, die die Kerngebiete infolge der Krisen erlebten: Periphere Gebiete wurden einbezogen, sie konnten erneut Vorteile aus ihrer Rückschrittlichkeit ziehen und zum Spitzenfeld vorstoßen. Völker von Persien bis Kreta übernahmen Palastbauten im Stil Ägyptens oder Mesopotamiens, passten deren umverteilende Wirtschaftsweisen den instabilen, häufig umkämpften Grenzgebieten mit Regenfeldbau an. Überhaupt stützten sich die Könige dieser Grenzregionen eher auf militärische Macht als die Herrscher der Kerngebiete mit ihrem Bewässerungsfeldbau, sie behaupteten auch seltener ihre Göttlichkeit – wobei es angesichts der so viel grandioser wirkenden Herrscher Ägyptens und Sumers auch einigermaßen schwierig gewesen sein wird, solche Ansprüche geltend zu machen.
    Wieder veränderte die zunehmende gesellschaftliche Entwicklung die Bedeutung der Geographie. War im 3. Jahrtausend v. u. Z. der Zugang zu einer großen Flussebene eine entscheidende Voraussetzung gesellschaftlicher

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