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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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ihre Ernten beleihen. Die Könige selbst nannten sich die Hüter ihrer Völker, schützten ihre Herden aber weiter nicht, sondern verbrachten ihre Zeit vorwiegend damit, ihnen das Fell abzuziehen. Gewaltsam sicherten sie sich Zwangsarbeiter, ganze Völker wurden verschleppt, die an ihren Monumentalbauten arbeiten mussten. Die Hebräer, die sich in den Städten der Pharaonen plagten – entfernte Nachkommen von Jakobs Söhnen, die mit so großen Hoffnungen nach Ägypten gezogen waren –, sind wohl die bekanntesten unter den damals versklavten Völkern.
    Auf diese Weise wuchs nach 1500 v. u. Z. die Macht der Staaten und mit ihnen das westliche Kerngebiet. Funde griechischer Keramik entlang der Küsten Siziliens, Sardiniens und Norditaliens lassen darauf schließen, dass auch andere, wertvollere, archäologisch jedoch weniger sichtbare Güter über weite Strecken transportiert wurden. Einblicke in die Mechanismen dieses Handels haben uns Unterwasserarchäologen mit Tauchgängen vor der anatolischen Küste verschafft. So hatte ein 1316 v. u. Z. vor Uluburun gesunkenes Schiff Kupfer und Zinn geladen, aus denen sich zehn Tonnen Bronze hätten schmelzen lassen, dazu Elfenbein aus dem tropischen Afrika, Zedernholz aus dem Libanon, Glaswaren aus Syrien, Waffen aus Griechenland und dem heutigen Israel. Kurz, in jedem Hafen, den das Schiff auf seiner Fahrt anlief, wurde alles, was Profit versprach, in kleinen Mengen an Bord gebracht, und das von einer Besatzung, die vermutlich ebenso bunt zusammengewürfelt war wie die Ladung.
    Auf diese Weise wurden die Küsten des Mittelmeers ins westliche Kernland einbezogen. Gräber, die wertvolle Bronzewaffen als Grabbeigaben enthielten, zeigen, dass Dorfälteste auf Sardinien und Sizilien zu Königen geworden waren. Texte berichten von jungen Männern, die ihre Dörfer auf diesen Inseln verließen und ihr Glück als Söldner suchten. So gibt es Zeugnisse von Sarden, die ihr Leben im fernen Babylon oder auch am Oberlauf des Nils (im heutigen Sudan) verloren, wohin die Ägypter auf der Suche nach Gold vordrangen, kleinere Staaten zerschlugen und entlang ihres Weges Tempel bauten. Im noch weiter abgelegenen Schweden ließen sich Häuptlinge mitsamt ihren Streitwagen bestatten, dem |201| höchsten Statussymbol aus den Kernländern. Auch anderes importiertes Kriegsgerät – insbesondere scharfe Bronzeschwerter – hatten sie in todbringenden Gebrauch genommen.
    Das Mittelmeer wurde zum neuen Grenzgebiet, und wieder änderte sich mit steigender gesellschaftlicher Entwicklung die Bedeutung der Geographie. Im 4. Jahrtausend v. u. Z. hatten Bewässerungsanlagen und Städte die großen Flusstäler Ägyptens und Mesopotamiens wertvoller gemacht als die Ländereien des Fruchtbaren Halbmonds, wo alles begonnen hatte. Im 2. Jahrtausend nun, mit der Expansion des Fernhandels, war es der Zugang zu den Wasserwegen des Mittelmeers, der den größten Wert darstellte. Nach 1500 v. u. Z. begann für das turbulente Kerngebiet des Westens ein völlig neues Zeitalter der Expansion.
    Zehntausend
guo
auf Erden
    Archäologen leiden häufig an Anwandlungen, die ich für »Ägyptenneid« halte. Ganz gleich, wo und was wir ausgraben, stets haben wir das Gefühl, es ließen sich viel schönere Dinge finden, würden wir nur in Ägypten graben. Insofern ist es erleichternd, dass der Ägyptenneid auch Menschen aus ganz anderen Verhältnissen befällt. 1995 unternahm der Staatsrat Song Jian, einer der führenden Männer in Chinas Wissenschaftsverwaltung, einen offiziellen Besuch in Ägypten. Er war nicht amüsiert, als ihm Archäologen erklärten, ihre Altertümer seien älter als die Chinas. Und kaum war der Mann zurück in Beijing, lancierte er das Periodisierungsprojekt der Xia-, Shang- und Zhou-Dynastie, das Licht in die Angelegenheit bringen sollte. Vier Jahre und zwei Millionen Dollar später wurden erste Ergebnisse veröffentlicht: Ägyptens Altertümer sind tatsächlich älter als die Chinas. Immerhin wissen wir nun genauer, um wie viel älter sie sind.
    Wie wir in Kapitel 2 gesehen haben, entwickelten sich vom Ackerbau geprägte Lebensweisen im Westen um 9500 v. u. Z., also gut 2000 Jahre früher als in China. Um 4000 v. u. Z. hatte sich der Ackerbau in ehemalige Randgebiete wie Ägypten und Mesopotamien verbreitet, und als sich ab 3800 v. u. Z. die Monsunregen nach Süden verlagerten, errichteten diese neuen Bauern im Interesse ihrer Selbsterhaltung Städte und Staaten. Auch im Osten gab es reichlich trockene

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