Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden
Anspruch auf Glück und Unabhängigkeit in einer Sprache feierten, in der sich die Gedanken der französischen Aufklärung spiegelten, der atlantischen Wirtschaft Großbritanniens den Todesstoß versetzen und Frankreich zur herrschenden Macht in Europa machen müssen. Doch auch diesmal retteten Kredite die Situation. Großbritannien konnte seine Schulden abbezahlen, ließ die Seewege auch weiterhin von seiner Flotte überwachen und fuhr fort, Güter auszuführen, die in Amerika nach wie vor gebraucht wurden. 1789 hatte der transatlantische Handel Großbritanniens wieder den Umfang erreicht, den er vor dem Unabhängigkeitskrieg gehabt hatte.
Für Frankreich hingegen war das Jahr 1789 eine Katastrophe. Ludwig XVI. hatte durch sein Eingreifen zugunsten der Kolonisten Schulden angehäuft, die er nicht zurückzahlen konnte. Er sah sich darum gezwungen, dem Adel, der Kirche und den Wohlhabenden höhere Steuern abzuverlangen, was die Bürger dazu veranlasste, die Aufklärung gegen ihn selbst ins Feld zu führen. Die Nationalversammlung verabschiedete die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (in die zwei Jahre später auch die Frauen einbezogen wurden), und die großbürgerlichen
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Abbildung 9.8: Die ganze Welt ist eine Bühne
Der Krieg des Westens, den England und seine Verbündeten von 1689 bis 1815 gegen Frankreich führten, auf der globalen Bühne. Die gekreuzten Schwerter zeigen die Schauplätze wichtiger Schlachten an, das Britische Kolonialreich in den Grenzen von 1815 ist durch gepunktete Flächen gekennzeichnet.
|471| Fraktionen des Dritten Standes fanden sich wider Willen als Drahtzieher einer unüberschaubaren Spirale der Gewalt und des Bürgerkrieges wieder, aus der sie sich zugleich nach Kräften herauszuhalten suchten. »Setzt den Terror auf die Tagesordnung« 53 , forderten die Radikalen und richteten anschließend den König, seine Familie und Tausende ihrer revolutionären Weggefährten hin.
Aber wieder entwickelten sich die Dinge anders, als vernünftigerweise zu erwarten gewesen wäre. Großbritannien konnte seine Kolonial- und Handelsmacht nicht zur Vorherrschaft in Europa ummünzen. Zudem war die Periode der Kabinettskriege vorbei. Die Französische Revolution machte den Weg frei für die
Levée en masse
, eine neue Form der Massenmobilisierung, und ein paar Jahre lang sah es während der Koalitionskriege so aus, als würde es Napoleon, dem genialen Feldherrn, endlich gelingen, Frankreich zur führenden Landmacht Europas zu machen. 1805 mobilisierte Napoleon – mittlerweile selbstgekrönter Kaiser der Franzosen – seine Grande Armée zum vierten Mal seit 1789 zum Ansturm auf Großbritannien. »Lasst uns sechs Stunden lang Herren über den Kanal sein«, feuerte er seine Soldaten an, »dann sind wir die Herren der Welt!« 54
Ihm waren die sechs Stunden nicht vergönnt, und obwohl er mit seiner Handelsblockade die schlimmsten Alpträume aller britischen Kaufleute wahr werden ließ, konnte er die wirtschaftliche Macht Großbritanniens nicht brechen. 1812 regierte Napoleon über ein Viertel der europäischen Bevölkerung und hatten seine Truppen Moskau eingenommen. Aber zwei Jahre später war er entmachtet und russische Truppen (die auf der Soldliste der Briten standen) hatten Paris besetzt. Und wieder ein Jahr später wurden auf dem Wiener Kongress Beschlüsse gefasst, die dem Krieg des Westens für die nächsten 99 Jahre den Wind aus den Segeln nehmen sollten.
Machten all diese Kriege letztendlich überhaupt einen Unterschied? In gewisser Weise: ja. 1683, am Vorabend der britisch-französischen Kriege, war Wien wieder einmal von türkischen Truppen belagert worden, doch als sich die Mächtigen 1815 dort zum Kongress versammelten, hatte Europa durch den Krieg des Westens den Rest der Welt in punkto Waffentechnik, Truppenführung und Wirtschaftskraft so weit hinter sich gelassen, dass die Türken von weiteren Eroberungsversuchen absahen. Schon 1803 gelang es den Briten, mit knapp 5000 Soldaten (die Hälfte davon vor Ort rekrutiert und an europäischen Musketen ausgebildet) eine zehnmal so große Streitmacht des indischen Marathenreiches zu zerschlagen.
In anderer Hinsicht auch wieder nicht. Ungeachtet aller Kriege und Feuergefechte sanken die Reallöhne nach 1750 unaufhörlich. Von 1770 an bot eine neue Gelehrtenzunft, die sich Nationalökonomen nannten, alles auf, was Naturwissenschaften und Aufklärung zu bieten hatten, um dieses Problem zu lösen. Die Erkenntnisse, die
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