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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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kleine Maschinen … und 20 große fertig hätten, so könnten wir sie alle leicht losschlagen«, schrieb Boulton an Watt. »Fahren wir das Heu ein, solange die Sonne scheint.« 6
    Und das taten sie, obwohl selbst sie wahrscheinlich über einige der Kunden erstaunt waren, die an ihre Tür klopften. Die ersten Fabrikanten, die sich auf die Dampfkraft stürzten, waren Hersteller von Baumwolltuch. Baumwolle gedieh in Westeuropa nicht, und bis zum 17. Jahrhundert hatten die Briten gewöhnlich das ganze Jahr über kratzende, schweißtreibende Wolle getragen, wobei sie im Allgemeinen auf Unterwäsche ganz verzichteten. Als Händler daher leichtes, bunt bedrucktes Baumwolltuch aus Indien importierten, war es nicht erstaunlich, dass sie damit reißenden Absatz fanden. »Es kroch in unsere Häuser, unsere Schränke, unsere Schlafzimmer«, erinnerte sich Daniel Defoe, der Autor von
Robinson Crusoe
, im Jahr 1708. »Vorhänge, Kissen, Stühle und schließlich die Betten selbst waren nichts als Kattun oder Indiennes.« 7
    Die Importeure machten ein Vermögen damit, aber Geld, das für indische Baumwolle ausgegeben wurde, konnte natürlich nicht ein zweites Mal zum Kauf britischer Wolle verwendet werden. Die Lobby der Wollmagnaten sorgte im britischen Parlament daher für ein Einfuhrverbot von Baumwolltuch, woraufhin andere Briten Rohbaumwolle importierten (was legal blieb) und ihr eigenes Tuch woben. Leider war es nicht so gut wie das indische, und noch in den 1760er Jahren betrug der Markt für britisches Baumwolltuch nur ein Dreißigstel des britischen Wollmarktes.
    Baumwolle hatte allerdings einen großen Vorzug: Die arbeitsaufwändige Aufgabe, ihre Fasern zu Garn zu spinnen, ließ sich mechanisieren. Etwa 10   000 Jahre lang waren in der Textilproduktion flinke Frauenfinger vonnöten gewesen, um Büschel von Wolle oder Fasern auf Spindeln zu drehen. Wir haben in Kapitel 7 gesehen, dass chinesische Spinnereien seit Beginn des 14. Jahrhunderts ihre Produktivität |479| mit Maschinen erhöhten, die von Wasser und Zugtieren angetrieben wurden. Diese Maschinen wurden in den folgenden Jahrhunderten gebräuchlicher und vermehrten den Ausstoß stetig, doch der britische Schritt zur Mechanisierung machte alle überkommenen Techniken überflüssig. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts brauchte eine Spinnerin mit einem pedalgetriebenen Spinnrad 200 Stunden, um ein Pfund Garn herzustellen. 1* Ein Jahrhundert später schafften außergewöhnliche Geräte mit noch außergewöhnlicheren Namen – Hargreaves’ Jenny, Arkwright’s Throstle, Crompton’s Mule – dieselbe Arbeit in drei Stunden. Und die Selfaktor, die selbsttätige Spinnmaschine von Richard Roberts, erfunden 1824, benötigte dazu gerade einmal eine Stunde und 20 Minuten. Aufgrund ihrer immer gleichen Bewegungsabläufe eigneten sich die Maschinen ideal für den Einsatz von Dampfkraft und die Konzentration in großen Fabriken, und die erste Spinnerei, die gänzlich mit Dampfmaschinen betrieben wurde (geliefert selbstverständlich von Boulton und Watt), eröffnete 1785.
    Maschinen machten britisches Baumwolltuch noch billiger, feiner, fester und gleichmäßiger als selbst indisches. Die britischen Baumwolltuchexporte stiegen zwischen 1760 und 1815 um das Hundertfache, wodurch sich das Baumwollgeschäft von einer nachrangigen Industrie zur Quelle von beinahe einem Zwölftel des Nationaleinkommens mauserte. 100   000 Frauen, Männer und (besonders) Kinder schufteten zwölf und mehr Stunden am Tag an sechs Tagen in der Woche in den Fabriken und überfluteten den Markt mit so viel Baumwolle, dass der Garnpreis von 38 Schilling pro Pfund 1786 auf unter sieben Schilling 1807 absackte. Obwohl die Preise purzelten, schossen die Profite dennoch weiter nach oben, weil schlicht die Märkte expandierten.
    Die geographischen Gegebenheiten machten Baumwolle zur perfekten Industrie für Großbritannien. Weil der Rohstoff in Übersee wuchs, vermehrte er daheim nicht die Konkurrenz um Land. Stattdessen wandelten die Amerikaner, begierig auf britisches Bargeld, Millionen von Hektar Land in Baumwollplantagen um und ließen Hunderttausende von Sklaven auf ihnen arbeiten. Die Produktion schoss von 3000 Ballen 1790 auf 178   000 Ballen 1810 und 4,5 Millionen Ballen im Jahr 1860 in die Höhe. Britische Innovationen in der Tuchindustrie regten amerikanische Innovationen auf den Plantagen an, wie Eli Whitneys Egreniermaschine, die Cotton Gin, mit der sich die Baumwollfasern noch preisgünstiger von den

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