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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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klebrigen Samen reinigen ließen als selbst durch Sklavenfinger. Das amerikanische Baumwollangebot stieg gleichauf mit der britischen Nachfrage, was die Preise niedrig hielt, die Spinnerei- und Plantagenbesitzer reich machte und auf beiden Seiten des Atlantiks riesige neue Arbeiterarmeen entstehen ließ.
    Daheim in Großbritannien sprangen die technischen Innovationen von einer Industrie auf die nächste über. Der wichtigste Sprung ereignete sich in der Eisenverarbeitung, |480| jener Industrie, die andere neue Industrien mit Ausrüstungsgütern versorgte. Britische Eisenfabrikanten kannten die Eisenschmelze mit Koks seit 1709 (sieben Jahrhunderte nach den Chinesen), hatten jedoch Schwierigkeiten, die bei der Koksverhüttung benötigte hohe Hitze in ihren Öfen kontinuierlich zu halten. Nach 1776 ermöglichten die Maschinen von Boulton und Watt die Lösung des Problems durch dampfgetriebene Gebläse, und binnen einer Dekade konnten durch das Puddel- und das Walzverfahren von Henry Cort (so wohlklingend benannt wie irgendeine Technik der Baumwollspinnerei) die verbleibenden technischen Schwierigkeiten überwunden werden. Die Eisenfabrikation befand sich auf demselben Pfad wie die Baumwollindustrie: Die Arbeitskosten stürzten in den Keller, während Beschäftigung, Produktivität und Gewinne explodierten.
    Boulton und seine Konkurrenten hatten die Grenzen der Energieausbeutung gesprengt. Obwohl ihre Revolution mehrere Jahrzehnte benötigte, um sich zu entfalten (um 1800 produzierten britische Fabrikanten immer noch dreimal mehr Energie mit Wasserrädern als mit Dampfmaschinen), war es dennoch die größte und schnellste Transformation der gesamten Weltgeschichte. In drei Generationen sprengte der technologische Wandel jene harte Decke, an der jede weitere Entwicklung bislang gescheitert war. Bis 1870 produzierten britische Dampfmaschinen bereits vier Millionen Pferdestärken, das Äquivalent von 40 Millionen Arbeitern, die – wäre die Industrie noch von Muskelkraft abhängig gewesen – mehr als das Dreifache der britischen Jahresgetreideproduktion verzehrt hätten. Fossiler Brennstoff machte das Unmögliche wahr.
    Die große Divergenz
    Die Einwohner nennen meine Heimatstadt, Stoke-on-Trent in den englischen Midlands, gerne die Wiege der industriellen Revolution. Diesen Ruhm beansprucht sie als Herz der britischen Töpferei-Industrie, wo Josiah Wedgwood in den 1760er Jahren die Vasenherstellung mechanisierte. Die industriemäßige Töpferei durchdrang in Stoke alles. Selbst meine eigenen frühesten archäologischen Erfahrungen als Jugendlicher standen gänzlich in Wedgwoods Schatten, als ich beinahe zwei Jahrhunderte später Ausschusskannen aus einer riesigen Schutthalde hinter der Fabrik von Thomas Whieldon rekonstruierte, wo Wedgwood sein Handwerk gelernt hatte.
    Stoke war auf Kohle, Eisen und Ton erbaut, und als ich jung war, standen die meisten seiner Arbeiter noch vor Tagesanbruch auf und gingen auf die Zeche, ins Stahlwerk oder in die Töpferei. Mein Großvater war Stahlarbeiter, und mein Vater ging noch vor seinem 14. Geburtstag von der Schule ab, um im Bergwerk zu arbeiten. In meiner Schulzeit betete man uns unablässig vor, wie unsere Vorfahren mit Beherztheit, Charakterfestigkeit und Erfindungsreichtum Großbritannien groß gemacht und die Welt verändert hatten. Doch soweit ich mich entsinne, erzählte |481| uns niemand, warum es gerade
unsere
Hügel und Täler und nicht andere an fremden Orten gewesen waren, die zur Wiege der jungen Industrie wurden.
    Genau an dieser Frage scheiden sich im Streit um die große Divergenz zwischen West und Ost die Geister. War es tatsächlich unausweichlich, dass sich die industrielle Revolution in Großbritannien ereignete (tatsächlich in und um Stoke-on-Trent) und nicht irgendwo anders im Westen? Falls nicht, war es unvermeidlich, dass sie im Westen und nicht irgendwo anders stattfand? Oder auch nur: dass es überhaupt dazu kam?
    Ich habe in der Einleitung dieses Buches bemäkelt, dass die Experten, die Antworten auf diese Fragen anbieten, nur selten weiter als vier oder fünf Jahrhunderte zurückblicken, obwohl sie tatsächlich darum kreisen, ob die westliche Vorherrschaft nicht bereits seit noch fernerer Zeit vorgezeichnet war. Ich hoffe, es ist bis hierhin klar geworden, dass wir bessere Antworten erhalten, wenn wir die industrielle Revolution in die lange historische Perspektive rücken, die ich in den ersten neun Kapiteln dieses Buches umrissen habe.
    Die

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