Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden
industrielle Revolution war einzigartig darin, wie stark und schnell sie die gesellschaftliche Entwicklung vorantrieb, doch im Übrigen war sie all den anderen Aufschwüngen der früheren Geschichte sehr ähnlich. Wie all jene Phasen (relativ) schneller Entwicklung ereignete sie sich auf einem Territorium, das bis kurz zuvor eher am Rande der Hauptschauplätze gelegen hatte. Seit den Ursprüngen der Landwirtschaft hatten sich die maßgeblichen Kerngebiete durch verschiedene Kombinationen von Kolonialisierung und Nachahmung ausgebreitet, wobei Bevölkerungen an der Peripherie übernahmen, was im Kerngebiet funktionierte, und es an zuweilen sehr unterschiedliche Verhältnisse in den Randgebieten anpassten. Manchmal offenbarte dieser Prozess Vorteile der Rückständigkeit, wie im 5. Jahrtausend v. u. Z., als Bauern erkannten, dass die einzige Überlebensmöglichkeit in Mesopotamien die Bewässerung war, wodurch sich die Region in der Folge zu einem neuen Kerngebiet ausbildete; oder als sich Städte und Staaten im 1. Jahrtausend v. u. Z. in den Mittelmeerraum ausdehnten und neue Muster des Seehandels entwickelten; oder als nordchinesische Bauern nach 400 u. Z. nach Süden flohen und die Region jenseits des Jangtse in ein neues vorgeschobenes Reisanbaugebiet verwandelten.
Als das westliche Kerngebiet sich im 2. Jahrtausend u. Z. aus dem Mittelmeerraum heraus nach Norden und Westen ausdehnte, entdeckten die Westeuropäer schließlich, dass sich ihre geographische Isolation, die so lange Quelle ihrer Rückständigkeit gewesen war, durch neue Schifffahrtstechniken in einen Vorteil ummünzen ließ. Eher zufällig als planvoll begründeten sie neue Arten von Seereichen, und als ihre neuartige atlantische Wirtschaft die gesellschaftliche Entwicklung vorantrieb, erwuchsen aus ihr gänzlich neue Herausforderungen.
Es gab keine Garantie, dass die Europäer ihnen gewachsen sein würden. Weder die Römer (im 1. Jahrhundert u. Z.) noch die Chinesen der Song-Dynastie (im 11. Jahrhundert) hatten es vermocht, die Decke zu einer neuartigen Entwicklungsdynamik |482| zu durchbrechen. Alle Anzeichen sprachen dafür, dass Muskelkraft die endgültige Energiequelle bleiben würde; dass nicht mehr als zehn bis 15 Prozent der Menschen je würden lesen können; dass Städte niemals über etwa eine Million Einwohner, Armeen nie über etwa ebenso viele Soldaten hinauswachsen würden, und dass – als Folge davon – der Index der gesellschaftlichen Entwicklung niemals einen Wert erreichen würde, der den Bereich der unteren 40er überschritte. Doch im 18. Jahrhundert setzten sich die Menschen im Westen über diese Schranken hinweg. Indem sie Kraft verkauften, spotteten sie allem, was es bis dahin gegeben hatte.
Die Westeuropäer hatten Erfolg, wo die Römer und die Chinesen der Song-Zeit scheiterten, weil sich dreierlei verändert hatte. Erstens hatte sich die Technologie weiter angereichert. Einige Fertigkeiten gingen stets verloren, wann immer die gesellschaftliche Entwicklung zusammenbrach, doch die meisten blieben erhalten, und mit den Jahrhunderten gesellten sich neue hinzu. Das Prinzip, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann, blieb in Kraft: Jede Gesellschaft, die sich zwischen dem 1. und dem 18. Jahrhundert der entwicklungshemmenden Decke näherte, unterschied sich von ihren Vorgängern. Jede wusste und vermochte mehr als die jeweils Vorangegangene.
Zweitens standen den Agrarreichen – hauptsächlich aufgrund der Akkumulation von Technologie – nun wirkungsvolle Feuerwaffen zu Gebote, sodass die Russen und die Chinesen der Qing-Zeit den Steppenschnellweg abriegeln konnten. Als folglich die gesellschaftliche Entwicklung im 17. Jahrhundert gegen die eherne Decke presste, war der fünfte Reiter der Apokalypse – die Migration – von seinem Pferd gestiegen. Es war ein zähes Ringen, aber den Kerngebieten gelang es, mit den anderen vier Reitern fertig zu werden und einen Zusammenbruch abzuwenden. Ohne diesen Wandel hätte das 18. Jahrhundert ein ebenso vernichtendes Los ereilen können wie das 3. oder das 13. Jahrhundert.
Drittens – wiederum weitgehend aufgrund der Akkumulation von Technologie – konnten Schiffe nun jedes gewünschte Ziel erreichen, was es den Westeuropäern ermöglichte, eine atlantische Wirtschaft zu entwickeln, die mit nichts Vorangegangenem vergleichbar war. Weder die Römer noch die Chinesen der Song-Zeit waren in der Lage gewesen, eine solch enorme Triebkraft des Wirtschaftswachstums zu
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