Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden
schlechter dran als Londoner. Da Arbeit in China und Japan (und Südeuropa) so billig war, boten sich örtlichen Unternehmern vom Schlage Boultons kaum Anreize, in Maschinen zu investieren. Noch 1880 betrugen die Vorlaufkosten für die Eröffnung eines Bergwerks mit 600 chinesischen Arbeitern schätzungsweise fast 4300 Dollar – grob gerechnet der Preis einer einzigen Dampfpumpe. Selbst als sich ihnen die Wahl bot, zogen kluge chinesische Investoren billige Muskelkraft teurem Dampf vor.
Angesichts eines so geringen Gewinns aus der Maschinentüftelei zeigten weder östliche Unternehmer noch Gelehrte an den kaiserlichen Akademien großes Interesse an Dampfkesseln und Kondensatoren, geschweige denn an Spinnereimaschinen wie den Jennys oder Throstles oder an Verhüttungsverfahren wie dem Puddeln. Um seine eigene industrielle Revolution loszutreten, hätte der Osten eine der atlantischen vergleichbare Wirtschaft gebraucht: mit höheren Löhnen und neuen Herausforderungen, also mit einer Stimulation des ganzen Pakets von wissenschaftlichem Denken, Maschinentüftelei und billiger Kraft.
Abermals: Mit ausreichend Zeit hätte sich auch dies ereignen können. Bereits im 18. Jahrhundert gab es in Südostasien eine blühende chinesische Diaspora. Bei sonst vergleichbarer Ausgangslage hätte sich hier im 19. Jahrhundert jene Art von geographischer Interdependenz entwickeln können, von der die atlantische Wirtschaft geprägt war. Doch die Ausgangslage war eben nicht vergleichbar. Die Menschen im Westen brauchten 200 Jahre, um von Jamestown zu James Watt zu gelangen.
Wenn
der Osten in glänzender Isolation verblieben wäre,
wenn
er im 19. und 20. Jahrhundert den gleichen Weg eingeschlagen hätte wie der Westen und eine geographisch diversifizierte Wirtschaft geschaffen hätte und
wenn
er sich ungefähr in demselben Tempo entwickelt hätte wie der Westen, dann hätte vielleicht ein chinesischer Watt oder ein japanischer Boulton seine erste Dampfmaschine in Shanghai oder Tokio enthüllt. Doch keine dieser hypothetischen Möglichkeiten wurde Wirklichkeit, weil die industrielle Revolution des Westens, nachdem sie einmal begonnen hatte, den Rest der Welt verschlang.
[Bild vergrößern]
Abbildung 10.3: Arbeiter aller Länder, seid gespalten!
Trotz ihrer Misere verdienten britische Arbeiter zwischen 1780 und 1830 viel mehr als ihre Kollegen in anderen Ländern und stellten sich nach 1830 noch besser. Die Grafik vergleicht die Reallöhne der ungelernten Arbeiter in London, Florenz (recht typisch für die niedrigen Löhne Südeuropas) und Beijing (stellvertretend für die chinesischen und japanischen Löhne).
Die Gradgrinds
Noch 1750 waren die Ähnlichkeiten zwischen den östlichen und westlichen Kerngebieten auffallend. Beide waren fortgeschrittene Agrarwirtschaften mit komplexer Arbeitsteilung, ausgedehnten Handelsnetzen und wachsenden Manufaktursektoren. An beiden Enden Eurasiens geboten reiche landbesitzende Eliten, im festen Vertrauen auf die Stabilität, die Traditionen und den Wert ihrer Ordnung, souverän über alles, was sie überblickten. Jede dieser Eliten verteidigte ihre Position mit ausgefeilten Regeln der Ehrerbietung und Etikette, und jede schuf und konsumierte Kultur von hoher Verfeinerung und Gediegenheit. Hinter all den offenkundigen Unterschieden in Stil und Erzählweise fällt es schwer, nicht eine gewisse Verwandtschaft zwischen den ausufernden Sittenromanen des 18. Jahrhunderts wie Samuel Richardsons
Clarissa
und Cao Xuequins
Der Traum der roten Kammer
zu erkennen.
Bis 1850 waren all diese Ähnlichkeiten von einem großen Unterschied fortgespült worden: der Aufstieg einer neuen dampfkraftgetriebenen Klasse von |486| Eisenhäuptlingen, die ihren berühmtesten Kritikern zufolge »die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen« hatten. Diese neue Klasse, so fuhren Karl Marx und Friedrich Engels fort, habe »die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt« 9 .
Die Meinungen darüber, was genau diese neue Klasse tat, unterschieden sich – und zwar radikal –, doch die meisten waren sich einig, dass sie alles umkrempelte. Für einige waren die Millionäre, die Kraft anzapften und verkauften, Helden, die sich durch »Energie und Ausdauer, geleitet von gesundem Urteil, [lediglich] ihr gewöhnliches Verdienst sicherten«.
Weitere Kostenlose Bücher