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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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So urteilte Samuel Smiles, Verfasser des viktorianischen Klassikers
Selbsthilfe
. »In früher Zeit«, so erläuterte er, »waren die Produkte geschulten Fleißes größtenteils Luxuswaren, für die wenigen bestimmt, während heute« – dank der Industriekapitäne – »die vorzüglichsten Werkzeuge und Maschinen in Dienst genommen werden, um der großen Masse der Gesellschaft Artikel des gewöhnlichen Konsums zur Verfügung zu stellen.« 10
    Für andere jedoch waren die Industriellen fiese, fracktragende Rohlinge, wie Dickens’ Mr. Gradgrind in
Harte Zeiten
. »Tatsachen allein sind die Dinge, die man im Leben braucht«, insistiert Gradgrind. »Pflanzen Sie nichts anderes ein, und rotten Sie alles andere aus.« 11 Dickens hatte die industrielle Revolution von ihrer harten Seite kennen gelernt, als er in einer Schuhpoliturfabrik arbeiten musste, während sein Vater im Schuldgefängnis schmachtete, und hegte entschiedene Ansichten über die Gradgrinds. Seiner Meinung nach laugten sie dem Leben alle Schönheit aus, indem sie die Arbeiter in deprimierende Städte wie sein imaginäres Coketown trieben, diesen »Triumph der Tatsache …, eine Maschinenstadt und eine Stadt der hohen Essen, aus denen sich endlose Rauchschlangen immer und ewig emporringelten und niemals abgewickelt wurden« 12 .
    Es gab im echten Leben zweifellos Gradgrinds zuhauf. Der junge Friedrich Engels beschrieb, wie er in den 1840er Jahren einem davon über den Weg lief und ihm einen Vortrag über das schwere Los der Arbeiter eines realen Coketown hielt: »Der Mann hörte das alles ruhig an, und an der Ecke, wo er mich verließ, sagte er: And yet, there is a great deal of money made here – und doch wird hier enorm viel Geld verdient – guten Morgen, Herr!« 13
    Der Geschäftsmann hatte Recht: Indem sie die in fossilen Brennstoffen eingeschlossene Energie anzapften, hatten die Maschinen von Boulton und Watt einen Sturm des Geldmachens ausgelöst. Doch auch Engels hatte Recht: Die Arbeiter, die diese Geldwerte produzierten, sahen selbst herzlich wenig davon. Zwischen 1780 und 1830 nahm der Ausstoß je Arbeiter um 25 Prozent zu, während die Löhne nur um kaum fünf Prozent stiegen. Der Rest wurde als Profit abgeschöpft. In den Elendsvierteln braute sich Wut zusammen. Die Arbeiter gründeten Gewerkschaften und verlangten nach einer Volkscharta (People’s Charter). Radikale schmiedeten ein Komplott, um die Regierung in die Luft zu sprengen. Landarbeiter, die |487| sich durch mechanische Drescher in ihrer Existenz bedroht sahen, zertrümmerten 1830 Landmaschinen, steckten Heuschober in Brand und unterzeichneten Drohbriefe an Grundbesitzer mit dem piratenhaft klingenden Namen »Captain Swing«. Überall witterten Richter und Geistliche den Hauch von Jakobinertum, ihr Überbegriff für aufrührerische Umtriebe französischen Stils. Die Besitzenden gingen dagegen mit der ganzen Wucht des Staates vor: Berittene Polizei trampelte Demonstranten nieder; Gewerkschafter kamen hinter Schloss und Riegel; Maschinenstürmer wurden in Strafkolonien an die äußersten Ränder des British Empire verschifft.
    Für Marx und Engels war der Fall glasklar: Die westliche Industrialisierung trieb die gesellschaftliche Entwicklung schneller voran denn je zuvor, doch sie stürzte sie auch mit Lichtgeschwindigkeit in das Entwicklungsparadox. 1* Indem sie Menschen zu bloßen Lohnarbeitern degradierten, zu Zahnrädchen aus Fleisch und Blut in Stahlhütten und Fabriken, vergesellschafteten die Kapitalisten sie auch zum Proletariat und machten sie zu Revolutionären. Die Bourgeoisie, so folgerten Marx und Engels, »produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. … Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.
Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
« 14
    Marx und Engels glaubten, dass die zitternden Kapitalisten sich dieses düstere Los selber eingebrockt hatten, indem sie die Enteigneten vom Land ausgesperrt und als Lohnsklaven in die Städte vertrieben hatten. Doch da irrten sie sich. Tatsächlich wurde die Landbevölkerung nicht von reichen Landbesitzern vertrieben, sondern sie wanderte aus Gründen ab, die mit ihrer Sexualität zu tun hatten. Die intensive Landwirtschaft des 19. Jahrhunderts benötigte mehr Feldarbeiter, nicht weniger, und der wahre Grund, warum die Menschen vom Land in die Stadt zogen, war die Fortpflanzungsrate. Die

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