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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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Sozialkritiker, scheiterten beide mehrfach am höchsten Beamtenexamen und entfalteten keine große Wirkung. Selbst eminent praktische Vorhaben wie das in den 1820er Jahren aufgelegte Programm zur Verschiffung von Reis nach Beijing auf dem Seeweg, um der schlechten Schiffbarkeit und Korruption auf dem Kaiserkanal auszuweichen, ließ man schluren.
    Nur im Westen, nirgendwo sonst, wurde eine schöne neue Welt aus Kohle und Eisen geboren, und zum ersten Mal in der Geschichte schienen die Möglichkeiten wahrhaft grenzenlos. »Wir betrachten es als Glück und Privileg, dass uns das Los beschieden war, in den ersten 50 Jahren dieses Jahrhunderts zu leben«, frohlockte die britische Zeitung
The Economist
1851; »die Periode der letzten 50 Jahre … erlebte einen rascheren und erstaunlicheren Fortschritt als
alle
Jahrhunderte, die ihr vorangingen. In mehreren entscheidenden Punkten ist der Unterschied zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert, soweit es das zivilisierte Europa betrifft, größer als der zwischen dem 1. und dem 18. Jahrhundert.« 15 Im Westen beschleunigte sich die Zeit, der Rest der Welt blieb auf der Strecke.
    Eine Welt
    London, 2. Oktober 1872, 7.45 Uhr.
Es ist eine berühmte Szene. »Hier bin ich, meine Herren!«, ruft Phileas Fogg aus, als er in den Club stürmt. 16 Obwohl in Ägypten mit einem Bankräuber verwechselt, in Nebraska von Sioux angegriffen und in Indien in die Rettung einer schönen Witwe vor dem erzwungenen Selbstmord verwickelt (Abbildung 10.4), hatte Fogg Wort gehalten: Er war in 80 Tagen um die Erde gereist und auf die Sekunde pünktlich zurückgekehrt.
    Es ist nur ein Stück Literatur, doch die
Reise um die Erde in 80 Tagen
stand, wie alle Erzählungen von Jules Verne, fest auf dem Boden der Fakten. Der mit einem so trefflichen Namen ausgestattete George Train war 1870 tatsächlich in 80 Tagen um die Welt gereist, und obwohl die Romanfigur Fogg auf Elefanten, Schlitten und Segelschiffe zurückgriff, wenn ihn die Technik im Stich ließ 1* , hätten weder er noch Train ihre Reisen ohne die brandneuen Triumphe der Ingenieurskunst bewältigen können – den Suezkanal (eröffnet 1869), die Bahnverbindung San Francisco–New York (fertiggestellt im selben Jahr) und die Eisenbahnstrecke Bombay–Kalkutta 2* (in Dienst genommen 1870). Die Welt, wie Fogg vor seiner Abreise bemerkte, war nicht mehr so groß wie früher.

    [Bild vergrößern]
    Abbildung 10.4. Reise um die Erde

Die Vorherrschaft des Westens lässt die Welt schrumpfen.
    |491| Eine aufstrebende gesellschaftliche Entwicklung und expandierende Kerngebiete waren immer Hand in Hand gegangen, wenn Kolonisten die neuen Lebensstile nach außen trugen und ihnen Menschen an den Peripherien nacheiferten, widerstanden oder vor ihnen flüchteten. Das 19. Jahrhundert unterschied sich davon nur in Ausmaß und Geschwindigkeit, doch diese Unterschiede veränderten den Lauf der Geschichte. Vor dem 19. Jahrhundert hatten große Reiche diesen oder jenen Teil der Welt dominiert, nur einzelne Territorien ihrem Willen unterworfen, doch die neuen Technologien rissen alle Grenzen ein. Zum ersten Mal ließ sich ein Vorsprung in gesellschaftlicher Entwicklung in globale Vorherrschaft verwandeln.
    Die Umwandlung von fossiler Energie in Bewegung löschte Entfernungen aus. Bereits 1804 demonstrierte ein britischer Ingenieur, dass leichte Hochdruckdampfmaschinen Kutschen auf eisernen Schienen antreiben konnten, und ab den 1810er Jahren trieben ähnliche Maschinen Raddampfer an. Nach einer weiteren Generation begnadeter Tüftelei schnaubte George Stephensons berühmte Rocket mit 46 Stundenkilometern 3* den Schienenstrang der Liverpool-Manchester-Eisenbahn entlang, und Raddampfer überquerten den Atlantik. Die gesellschaftliche Entwicklung überwand die geographischen Zwänge schneller als je zuvor: Nicht länger abhängig von Wind und Wellen, konnten Schiffe nicht nur jeden beliebigen Ort anlaufen, sondern auch in See stechen, wann immer sie wollten, und sofern für die Schienen gesorgt war, ließen sich Güter auf dem Landweg beinahe so günstig transportieren wie über Wasser.
    Die Technik verwandelte die Kolonisierung. Über fünf Millionen Briten (aus einer Bevölkerung von 27 Millionen) wanderten zwischen 1851 und 1880 aus, meist nach Nordamerika, die letzte neue Grenzregion. Zwischen 1850 und 1900 rodete diese »weiße Plage«, wie Niall Ferguson sie nennt, 17 67 Millionen Hektar Wald, mehr als das Zehnfache der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche

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