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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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geographischen Bedingungen. »Die Entwicklung des Verbrennungsmotors ist das Größte, was die Welt je gesehen hat«, sagte ein englischer Ölunternehmer 1911 voraus, »denn so sicher, wie ich diese Zeilen schreibe, wird er den Dampf ablösen, und das mit fast tragischer Geschwindigkeit.« 21 Weil Öl leichter und energiereicher als Kohle ist und höhere Geschwindigkeiten ermöglicht, blieben diejenigen, die sich an die Dampfkraft klammerten statt in die neuen Maschinen zu investieren, unausweichlich auf der Strecke. »Die allererste Notwendigkeit«, erklärte der höchste britische Admiral 1911, »ist Geschwindigkeit.« 22 Englands Marineminister Winston Churchill fügte sich ins Unvermeidliche und stellte die Royal Navy von Kohle auf Öl um. Großbritanniens endlose Kohlevorräte fingen an, weniger ins Gewicht zu fallen als der Zugang zu Ölfeldern in Russland, Persien, Südostasien und vor allem Amerika.
    Die Kommunikationsmittel änderten sich ebenso rasch. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestand die schnellste Methode, eine Nachricht um die Welt zu schicken, darin, einen Brief per Schiff zu versenden, doch 1851 konnten Briten und Franzosen erstmals Nachrichten über die elektrischen Signale eines Unterwasserkabels austauschen. 1858 telegraphierten die britische Königin Victoria und der amerikanische Präsident James Buchanan über den Atlantik, und mehr als einmal hing nun alles von einem rechtzeitig eintreffenden Telegramm ab. Zwischen 1866 und 1911 fielen die Kosten transatlantischer Telegramme um 99,5 Prozent, doch mittlerweile nahm man solche Einsparungen für selbstverständlich. Die ersten Telefone klingelten 1876, gerade einmal drei Jahre, nachdem Jules Vernes
Reise um die Erde in 80 Tagen
erschienen war; 1895 kam die drahtlose Telegraphie; 1906 folgte das Radio.
    Schnellere Verkehrs- und Kommunikationsmittel befeuerten ein explosives Wachstum der Märkte, und die Herolde des Freihandels übertönten mit der Zeit die Verfechter des Protektionismus. Letzteren kam die Begeisterung für freie Märkte wie blanker Wahnsinn vor. Britische Hersteller exportierten Eisenbahnen, Schiffe und Maschinen, und britische Finanziers liehen Ausländern das Geld, um sie zu kaufen. Großbritannien baute letztlich ausländische Industrien auf, die seine wirtschaftliche Vorherrschaft herausfordern würden. Für die Freihändler jedoch steckte in dem Wahnsinn Methode. Indem das Vereinte Königreich |494| allenthalben seine Produkte verkaufte und Geld verlieh, selbst an seine Rivalen, schuf es einen so großen Markt, dass es sich auf jene industriellen (und zunehmend finanziellen) Kompetenzen konzentrieren konnte, die den größten Profit abwarfen. Und nicht nur das: Britische Maschinen halfen den Amerikanern und Kontinentaleuropäern, jene Nahrungsmittel zu produzieren, die Großbritannien zukaufen musste, und mit den Profiten daraus wiederum noch mehr britische Waren zu erwerben.
    Die Verfechter des Freihandels argumentierten, dass jeder – jeder zumindest, der gewillt war, die harte Gradgrind-Logik der Liberalisierung zu schlucken – dabei gewinnen würde. Wenige Länder waren so enthusiastisch wie Großbritannien (besonders Deutschland und die Vereinigten Staaten schotteten ihre jungen Industrien vor britischer Konkurrenz ab), aber bis zu den 1870er Jahren war das westliche Kerngebiet praktisch zu einem einzigen Finanzsystem verflochten. Seine verschiedenen Währungen waren mit festen Wechselkursen an den Goldstandard gebunden, was den Handel verlässlicher machte und die Regierungen verpflichtete, sich an die Marktregeln zu halten.
    Doch das war erst der Anfang. Die Liberalisierung machte an den Schlagbäumen nicht halt, sie wischte die Grenzen zwischen den Nationen beiseite und riss die überkommenen sozialen Barrieren in ihrem Innern nieder. Die Liberalisierung war ein Pauschalarrangement, wie Marx und Engels sehr hellsichtig erkannten:
     
    Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von

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