Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden
gibt einfach keine völlig neutrale Art, Politik oder Zahlen zu präsentieren. Jede Pressemitteilung und jede graphische Darstellung rücken einige Aspekte der Realität in den Vordergrund, spielen andere dafür herunter. So auch Abbildung 3.7, welche die Punktwerte der gesellschaftlichen Entwicklung von 14 000 v. u. Z. bis 2000 u. Z. in logarithmisch-linearer Darstellung wiedergibt und dabei einen völlig anderen Eindruck vermittelt als die Darstellung derselben Werte in Abbildung 3.Der Sprung in der Entwicklung in den letzten Jahrhunderten bleibt klar und deutlich, er ließe |170| sich auch mit keiner statistischen Trickserei zum Verschwinden bringen. Aber wir sehen jetzt, dass dieser Sprung nicht aus heiterem Himmel erfolgte, wie es nach Abbildung 3.3 erscheinen mochte. Als die Linien nach oben zu schießen beginnen (um 1700 u. Z. im Westen, um 1800 im Osten), sind die Werte in beiden Regionen bereits um das Zehnfache höher als auf der linken Seite der Grafik – ein Unterschied, der auf Abbildung 3.3 kaum wahrnehmbar war.
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Abbildung 3.7: Der Anstieg der gesellschaftlichen Entwicklung
Hier ist die Entwicklung von 14 000 v. u. Z. bis 2000 u. Z. logarithmisch-linear dargestellt – wohl die sinnvollste Art, die Werte zur Anschauung zu bringen. Dadurch werden sowohl die relativen Wachstumsraten im Osten und Westen als auch die Bedeutung der vielen 1000 Jahre der Veränderungen vor 1800 u. Z. betont.
Wenn man erklären möchte, warum der Westen die Welt regiert, muss man, wie Abbildung 3.7 zeigt, gleich mehrere Fragen beantworten. Wir werden Gründe dafür suchen müssen, warum die gesellschaftliche Entwicklung nach 1800 u. Z. mit einem so plötzlichen Sprung ein Niveau erreicht hat (nahezu 100 Punkte), dass es einzelnen Staaten möglich wurde, ihre Macht weltweit auszudehnen. Bevor sich die Entwicklung in diese Höhe schraubte, konnten selbst die mächtigsten Staaten nur ihre eigene Region beherrschen. Erst die neuen Techniken und Einrichtungen des 19. Jahrhunderts ermöglichten es ihnen, lokale in weltweite Herrschaft zu verwandeln. Wir werden natürlich auch herauszufinden haben, warum der Westen |171| diese Schwelle zuerst erreicht hat. Um aber diese Fragen beantworten zu können, müssen wir begriffen haben, warum die gesellschaftliche Entwicklung bereits in den vorangegangenen 14 000 Jahren so sehr gestiegen ist.
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Abbildung 3.8: Linien durch Zeit und Raum
Die gesellschaftliche Entwicklung in dreieinhalb Jahrtausenden, von 1600 v. u. Z. bis 1900 u. Z., in linear-linearer Darstellung. Die gestrichelte Linie A zeigt einen möglichen Schwellenwert bei 43 Punkten, bei dem die weitere Entwicklung des Weströmischen Reiches in den ersten Jahrhunderten u. Z. blockiert worden ist, ebenso die der Song-Dynastie in China um 1100 u. Z., bevor um 1700 u. Z. dem Osten wie dem Westen der Durchbruch gelang. Linie B zeigt, dass eine Verbindung bestehen könnte zwischen den in den ersten Jahrhunderten u. Z. sowohl im Osten als auch im Westen sinkenden Werten; Linie C einen weiteren Ost-West-Gleichklang ab etwa 1300 u. Z.
Noch etwas anderes offenbart Abbildung 3.7. Nun sehen wir nämlich, dass die Werte für Ost und West bis vor wenigen 1000 Jahren sehr wohl unterschieden waren: Im Westen lagen sie in über 90 Prozent der Zeit seit 14 000 v. u. Z. höher als im Osten. Das bringt kurzfristige Ereignistheorien in Erklärungsnöte. Die Führung des Westens seit 1800 u. Z. ist eine Rückkehr zur langfristigen Norm, keine merkwürdige Anomalie.
Damit sind kurzfristige Ereignistheorien nicht unbedingt widerlegt, doch zeigt Abbildung 3.7, dass deren Vertreter sich einiges einfallen lassen müssen, um das |172| langfristige Muster, das zurückreicht bis zum Ende der Eiszeit, ebenso erklären zu können wie die Ereignisse nach 1700 u. Z. Doch auch die Gegenseite, die Theoretiker langfristiger Determination, sollte nicht zu früh jubeln. Denn Abbildung 3.7 zeigt eindeutig, dass die Werte gesellschaftlicher Entwicklung im Westen nicht immer über denen im Osten gelegen haben. Vielmehr liefen sie während eines Großteils des 1. Jahrtausends v. u. Z. etwa parallel, dann plötzlich, um 541 u. Z., kreuzten sie sich, und bis 1773 blieb der Osten in Führung. (Diese punktgenauen Daten folgen natürlich aus der unwahrscheinlichen Annahme, dass die Indexwerte gesellschaftlicher Entwicklung, die ich errechnet habe, absolut genau sind. Besser wäre es zu sagen, dass die Werte für den Osten
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