Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
Vom Netzwerk:
Bewegung setzten. Vielleicht war es kein seltsamer Glücksfall, dass sich die industrielle Revolution zuerst im Westen ereignete, wie Pomeranz vermutet, sondern befanden sich beide, Ost und West, auf dem Weg zu einer solchen Revolution. Dann hätte sich der Westen bloß durch seine spezifische Reaktion auf Vorkommnisse im 14. Jahrhundert einen leichten, aber entscheidenden Vorsprung verschafft und so den Startpunkt im 18. Jahrhundert zuerst erreicht.
    Mir scheint, dass die Abbildungen 3.3, 3.7 und 3.8 einen realen Schwachpunkt sowohl der Theorien langfristiger Determination als auch der kurzfristiger Ereignisse beleuchten. Einige Theoretiker verlegen den Beginn des ganzen Geschehens in die agrikulturelle Revolution, die große Mehrheit dagegen schaut auf das Ende, auf die letzten 500 Jahre. Weil sie die vielen 1000 Jahre dazwischen weitgehend außer Acht lassen, suchen sie erst gar nicht nach Gründen, die die Beschleunigung beziehungsweise Verlangsamung des Wachstums erklären könnten; alle Abstürze, Annäherungen und Führungswechsel, auch die horizontalen Maximalwerte entgehen ihnen, ebenso die vertikalen Verbindungen, die uns ins Auge springen, wenn wir die geschichtliche Gesamtentwicklung überblicken. Zugespitzt |174| bedeutet das: Keine der beiden Theorien kann uns erklären, warum der Westen die Welt regiert. Und weil dem so ist, kann auch keine der beiden hoffen, eine Antwort auf die Frage zu finden, die dahinter lauert: wie nämlich die Sache denn weitergehen wird.
    Scrooges Frage
    In Charles Dickens’ Erzählung
Eine Weihnachtsgeschichte
führt der dritte der Geister Ebenezer Scrooge auf einen verwahrlosten Friedhof. Schweigend deutet er auf ein ungepflegtes Grab. Scrooge ahnt, dass er auf dem Grabstein seinen Namen lesen wird, dass er dort für immer liegen wird, allein und unbetrauert. Er schreit auf: »Sind dies die Schatten der Dinge, die sein werden, oder nur die Schatten der Dinge, die sein können?« 17
    Das ist eine Frage, die auch wir uns stellen könnten, wenn wir uns die Abbildung 3.9 anschauen. Die zeigt uns, wie sich im 20. Jahrhundert die gesellschaftliche Entwicklung in Ost und West beschleunigt, und schreibt diese Entwicklung fort. 1* Die Entwicklungslinie des Ostens kreuzt die des Westens im Jahr 2013. Um 2150 ist es mit der Vorherrschaft des Westens endgültig vorbei, seine Pracht vergangen wie die von Ninive und Tyros.
    Der Grabstein des Westens hat die gleiche unmissverständliche Inschrift wie der von Scrooge:
     
    WESTLICHE HERRSCHAFT
    1773–2103
    R. I. P.
     
    Sind das die Schatten der Dinge, die tatsächlich sein werden?
    Angesichts des eigenen Grabsteins fällt Scrooge auf die Knie und klammert sich ans Gewand des Geistes. »Guter Geist«, bittet er, »sag mir, dass ich durch ein verändertes Leben die Schattenbilder, die du mir gezeigt hast, ändern kann!« Der Geist des Zukünftigen schweigt, doch Scrooge findet die Antwort selbst. Er hatte bereits einen ungemütlichen Abend mit den Geistern des vergangenen und des gegenwärtigen Weihnachten verbringen müssen und verstanden, was sie ihn lehren wollten: »Ich will ihren Lehren mein Herz nicht verschließen. O sage mir, dass ich die Schrift auf diesem Stein tilgen kann!«
    Wie ich in der Einleitung sagte, befinde ich mich unter denen, die sich mit der Frage nach dem Grund der westlichen Vorherrschaft befassen – und vor allem nach dem, was ihr folgen wird –, in einer Minderheit, denn ich bin weder Wirtschaftswissenschaftler |175| noch Zeithistoriker, noch politischer Experte irgendeiner Art. Auch auf die Gefahr hin, die Parallelen zu Scrooge überzustrapazieren: Mir scheint, wir haben, weil die Historiker in dieser Debatte schweigen, den Fehler gemacht, ausschließlich mit dem Geist des gegenwärtigen Weihnachten zu sprechen. Wir müssen den Geist des vergangenen Weihnachten wieder an den Tisch holen.
    [Bild vergrößern]
    Abbildung 3.9: Die Gestalt dessen, was wird?
    Wenn wir die Rate, in der die gesellschaftliche Entwicklung in Ost und West im 20. Jahrhundert gestiegen ist, ins 22. Jahrhundert projizieren, dann sehen wir, dass der Osten die Führung im Jahr 2103 zurückerobern wird. (In logarithmisch-linearer Darstellung wären die Linien für Ost und West von 1900 an gerade und würden damit unveränderte Steigerungsraten anzeigen. Dies aber ist eine linear-lineare Darstellung, darum bilden beide Linien eine steile Kurve nach oben.)
    Dies möchte ich in den folgenden Kapiteln 4 bis 10 tun. Als Historiker werde ich

Weitere Kostenlose Bücher