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Werke

Werke

Titel: Werke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gotthold Ephraim Lessing
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macht ihm diese Liebe zu einem Verbrechen. Er eifert wider die Wollust, die auch den wackersten Mann zu Unsinnigkeiten verleite,
    – – – έτ’ αφρονα φωτα τιϑησι
    Και πινυτον περ εοντα. – – – –
    Achilles ergrimmt, und ohne ein Wort zu versetzen, schlägt er ihn so unsanft zwischen Back und Ohr, daß ihm Zähne, und Blut und Seele mit eins aus dem Halse stürzen. Zu grausam! Der jachzornige mörderische Achilles wird mir verhaßter, als der tückische knurrende Thersites; das Freudengeschrei, welches die Griechen über diese Tat erheben, beleidiget mich; ich trete auf die Seite des Diomedes, der schon das Schwerd zucket, seinen Anverwandten an dem Mörder zu rächen: denn ich empfinde es, daß Thersites auch mein Anverwandter ist, ein Mensch.
    Gesetzt aber gar, die Verhetzungen des Thersites wären in Meuterei ausgebrochen, das aufrührerische Volk wäre wirklich zu Schiffe gegangen und hätte seine Heerführer verräterisch zurückgelassen, die Heerführer wären hier einem rachsüchtigen Feinde in die Hände gefallen, und dort hätte ein göttliches Strafgerichte über Flotte und Volk ein gänzliches Verderben verhangen: wie würde uns alsdenn die Häßlichkeit des Thersites erscheinen? Wenn unschädliche Häßlichkeit lächerlich werden kann, so ist schädliche Häßlichkeit allezeit schrecklich. Ich weiß dieses nicht besser zu erläutern, als mit ein paar vortrefflichen Stellen des Shakespeare. Edmund, der Bastard des Grafen von Gloster, im »König Lear«, ist kein geringerer Bösewicht, als Richard, Herzog von Glocester, der sich durch die abscheulichsten Verbrechen den Weg zum Throne bahnte, den er unter dem Namen, Richard der Dritte, bestieg. Aber wie kömmt es, daß jener bei weitem nicht so viel Schaudern und Entsetzen erwecket, als dieser? Wenn ich den Bastard sagen höre: (148)
    Thou, Nature, art my Goddess, to thy Law
    My services are bound; wherefore should I
    Stand in the Plague of Custom, and permit
    The curtesie of Nations to deprive me,
    For that I am some twelve, or fourteen Moonshines
    Lag of a Brother? Why Bastard? wherefore base?
    When my dimensions are as well compact,
    My mind as gen’rous, and my shape as true
    As honest Madam’s Issue? Why brand they thus
    With base? with baseness? bastardy? base? base?
    Who, in the lusty stealth of Nature, take
    More composition and fierce quality,
    Than doth, within a dull, stale, tired Bed,
    Go to creating a whole tribe of Fops,
    Got ’tween a-sleep and wake?
    so höre ich einen Teufel, aber ich sehe ihn in der Gestalt eines Engels des Lichts. Höre ich hingegen den Grafen von Glocester sagen: (149)
    But I, that am not shap’d for sportive Tricks,
    Nor made to court an am’rous looking-glass,
    I, that am rudely stampt, and want Love’s Majesty,
    To strut before a wanton, ambling Nymph;
    I, that am curtail’d of this fair proportion,
    Cheated of feature by dissembling nature,
    Deform’d, unfinish’d, sent before my time
    Into this breathing world, scarce half made up,
    And that so lamely and unfashionably,
    That dogs bark at me, as I halt by them:
    Why I (in this weak piping time of Peace)
    Have no delight to pass away the time;
    Unless to spy my shadow in the sun,
    And descant on mine own deformity.
    And therefore, since I cannot prove a Lover.
    To entertain these fair well-spoken days,
    I am determined, to prove a Villain!
    so höre ich einen Teufel, und sehe einen Teufel; in einer Gestalt, die der Teufel allein haben sollte.
    { ‡ }
XXIV
    So nutzt der Dichter die Häßlichkeit der Formen: welchen Gebrauch ist dem Maler davon zu machen vergönnet?
    Die Malerei, als nachahmende Fertigkeit, kann die Häßlichheit ausdrücken: die Malerei, als schöne Kunst, will sie nicht ausdrücken. Als jener, gehören ihr alle sichtbare Gegenstände zu: als diese, schließt sie sich nur auf diejenigen sichtbaren Gegenstände ein, welche angenehme Empfindungen erwecken.
    Aber gefallen nicht auch die unangenehmen Empfindungen in der Nachahmung? Nicht alle. Ein scharfsinniger Kunstrichter (150) hat dieses bereits von dem Ekel bemerkt. »Die Vorstellungen der Furcht«, sagt er, »der Traurigkeit, des Schreckens, des Mitleids u.s.w. können nur Unlust erregen, in so weit wir das Übel für wirklich halten. Diese können also durch die Erinnerung, daß es ein künstlicher Betrug sei, in angenehme Empfindungen aufgelöset werden. Die widrige Empfindung des Ekels aber erfolgt, vermöge des Gesetzes der Einbildungskraft

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