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Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Titel: Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fjodor Dostojewski
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sie aufs Geratewohl. Sie ihrerseits hatte sich in mich verliebt und warf sich mir geradezu an den Hals; der Teufel mag es ihr eingegeben haben! Das Geld ist teils für den Lebensunterhalt draufgegangen, teils vertrunken, lieber Freund; und wo ist nun mein Talent geblieben? Alles ist zugrunde gegangen!“
    B... merkte, daß Jefimow gewissermaßen sich vor ihm zu rechtfertigen suchte.
    „Ich habe die ganze Sache aufgegeben, völlig aufgegeben“, fügte er hinzu. Dann setzte er ihm auseinander, er habe es in der letzten Zeit fast zu wirklicher Vollkommenheit auf der Geige gebracht; B... sei ja zwar einer der ersten Geiger der Hauptstadt, reiche ihm aber nicht das Wasser.
    „Woran liegt es denn also?“ fragte B... verwundert. „Du solltest dir eine Stelle suchen.“
    „Das ist nicht der Mühe wert!“ erwiderte Jefimow mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Wer von euch versteht auch nur das Geringste davon? Was versteht ihr? Einen Quark versteht ihr, gar nichts versteht ihr! Eine Tanzmelodie beim Ballett spielen, weiter könnt ihr nichts! Gute Geiger habt ihr nie gesehen und gehört. Wozu soll man sich mit euch abgeben? Bleibt, wie ihr sein wollt!“
    Hier machte Jefimow wieder eine geringschätzige Geste und schwankte mit dem Oberkörper auf seinem Stuhle hin und her, da er schon tüchtig betrunken war. Dann lud er B... ein, mit ihm nach seiner Wohnung zu kommen; aber dieser lehnte es ab, ließ sich seine Adresse geben und versprach, ihn gleich am nächsten Tage zu besuchen. Jefimow, der jetzt gesättigt war, blickte seinen früheren Kameraden spöttisch an und suchte ihn durch allerlei Stichelreden zu ärgern. Als sie weggingen, ergriff er B...s schönen Pelz und hielt ihn ihm hin wie ein Niedrigstehender einem Hochgestellten. Als sie durch das erste Zimmer kamen, blieb er stehen und stellte B... den Wirtsleuten und dem Publikum als den ersten und einzigen Geiger in der ganzen Residenz vor. Kurz, er benahm sich damals sehr widerwärtig.
    B... indessen suchte ihn am andern Morgen in der Dachstube auf, wo wir alle zu jener Zeit in der äußersten Armut lebten, alle in einem Raume. Ich war damals vier Jahre alt, und es war schon zwei Jahre her, daß meine Mutter Jefimow geheiratet hatte. Sie war eine unglückliche Frau. Früher war sie Gouvernante gewesen; sie besaß eine schöne Bildung und ein hübsches Äußeres und heiratete aus Armut einen bejahrten Beamten, meinen Vater. Sie lebte nur ein Jahr lang mit ihm zusammen. Als mein Vater plötzlich gestorben und die kümmerliche Erbschaft unter seine Erben verteilt worden war, blieb meine Mutter mit mir allein zurück, mit einer unbedeutenden Summe Geldes, die auf ihren Teil gefallen war. Wieder Gouvernante zu werden, jetzt, wo sie ein kleines Kind auf dem Arme hatte, war schwer. In dieser Zeit traf sie zufällig mit Jefimow zusammen und verliebte sich wirklich in ihn. Sie war eine Enthusiastin, eine Schwärmerin; sie sah in Jefimow ein Genie und schenkte seinem hochmütigen Gerede von einer glänzenden Zukunft Glauben; es schmeichelte ihrer Phantasie, sich ihr herrliches Los als Stütze und Gefährtin eines genialen Mannes vorzustellen, und sie heiratete ihn. Gleich im ersten Monat schwanden alle ihre Träumereien und Hoffnungen dahin, und die elende Wirklichkeit lag vor ihren Augen. Jefimow, der meine Mutter vielleicht tatsächlich nur deshalb geheiratet hatte, weil sie etwa tausend Rubel besaß, legte sobald dieses Geld ausgegeben war, die Hände in den Schoß und setzte, wie wenn er über diesen Vorwand erfreut wäre, sofort all und jedem auseinander, daß die Heirat sein Talent zerstört habe; er könne nicht in einem stickigen Zimmer arbeiten, angesichts der hungernden Familie; das sei nicht der richtige Boden für Musik; offenbar sei ihm ein solches Unglück schon bei seiner Geburt beschieden worden. Er schien dann allmählich selbst zu der Überzeugung zu kommen, daß seine Klagen begründet seien, und sich über die neue Ausrede zu freuen. Dieses unglückliche, zugrunde gegangene Talent suchte anscheinend selbst einen äußeren Grund, auf den es alle Mißerfolge und Nöte zurückführen könne. Aber der Gedanke, daß er schon längst und auf alle Zeit für die Kunst verloren sei, war zu schrecklich, als daß er ihn hätte für wahr halten können. Er rang krampfhaft, wie mit einem peinigenden Alpdrücken, mit dieser furchtbaren Überzeugung, und als ihn endlich die Wirklichkeit überwältigte und ihm zeitweilig die Augen aufgingen, da fühlte er, daß er

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