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Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Titel: Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fjodor Dostojewski
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unruhigen Ausdruck an; er wurde kleinlaut, erkundigte sich, wer eigentlich angekommen sei, und was das für ein neues Talent sei, und wurde sofort auf den Ruhm desselben eifersüchtig. Wie es scheint, begann erst damals seine wirkliche, reguläre Verrücktheit, seine fixe Idee, er sei der erste Geiger, wenigstens in Petersburg, aber das Schicksal verfolge und kränke ihn, und infolge von mancherlei Intrigen sei er unverstanden und unbekannt. Letzteres schmeichelte ihm sogar; denn es gibt Charaktere, die sich gern für gekränkt und verfolgt halten, sich laut darüber beklagen oder sich im stillen damit trösten, daß sie ihre eigene, nicht zur Anerkennung gelangte Größe bewundern. Er kannte alle Petersburger Geiger, und nach seiner Anschauung konnte sich keiner von ihnen mit ihm messen. Kenner und Dilettanten, die den unglücklichen Verrückten kannten, redeten gern in seiner Gegenwart von diesem oder jenem bekannten talentvollen Geiger, um ihn seinerseits zum Reden zu bringen. Ihnen gefiel seine Bosheit, seine giftigen Bemerkungen, die sachkundigen, klugen Urteile, die er abgab, wenn er das Spiel seiner angeblichen Nebenbuhler kritisierte. Oft verstanden sie ihn nicht; aber dafür waren sie überzeugt, daß niemand auf der Welt es verstand, die musikalischen Zelebritäten mit solcher Geschicklichkeit und Kühnheit zu karikieren. Sogar die Künstler selbst, über die er sich in dieser Weise lustig machte, fürchteten ihn ein wenig, weil sie seine giftige Zunge kannten und wußten, daß seine Angriffe auf Sachkunde beruhten und seine Urteile, wo es sich darum handelte zu tadeln, gerecht waren. Sie hatten sich gewissermaßen daran gewöhnt, ihn in den Korridoren des Theaters und hinter den Kulissen zu sehen. Die Angestellten ließen ihn unbehindert durch wie eine unentbehrliche Persönlichkeit, und er wurde auf diese Art ein zum Hause gehöriger Thersites. Dieses Leben dauerte zwei oder drei Jahre; aber schließlich wurde er allen auch in dieser letzten Rolle zuwider. Es erfolgte seine formelle Ausweisung, und in den nächsten zwei Jahren seines Lebens war mein Stiefvater völlig von der Bildfläche verschwunden und nirgends mehr zu sehen. B... begegnete ihm allerdings zweimal: mein Stiefvater befand sich in so kläglichem Zustande, daß bei B... das Mitleid noch einmal den Sieg über den Widerwillen davontrug. Er rief ihn an; aber mein Stiefvater fühlte sich beleidigt, tat, als ob er nichts gehört hätte, drückte seinen alten, verbeulten Hut in die Augen und ging vorbei. Endlich, an einem hohen Festtage, meldete B...s Diener seinem Herrn am Morgen, sein früherer Kamerad Jefimow sei gekommen, um ihm zum Feste Glück zu wünschen. B... ging ins Vorzimmer, wo jener wartete. Jefimow war betrunken, begann sich außerordentlich tief, beinah bis zu den Füßen, zu verbeugen, bewegte murmelnd die Lippen und wollte durchaus nicht in die Wohnung hereinkommen. Der Sinn dessen, was er sagte, war ungefähr: „Wir talentlosen Menschen dürfen nicht mit einer solchen Berühmtheit, wie Sie, verkehren; für uns kleine Leute ist der Raum, wo sich die Lakaien aufhalten, gut genug, um unsern Glückwunsch zum Feste darzubringen; wir machen unsere Verbeugung und gehen wieder weg.“ Kurz, alles war unwürdig, dumm und ekelhaft. Seitdem bekam B... ihn sehr lange nicht zu Gesichte, bis zu der Katastrophe, die diesem traurigen, schmerzensreichen, geistig unklaren Leben ein Ende machte. Das vollzog sich in einer schrecklichen Art und Weise. Diese Katastrophe steht in engem Zusammenhange nicht nur mit den ersten Eindrücken meiner Kindheit, sondern auch mit meinem ganzen Leben. Sie begab sich folgendermaßen ... Aber vorher muß ich erzählen, von welcher Art meine Kindheit war, und welche Bedeutung dieser Mensch für mich hatte, dessen Wesen auf mich Kleine einen so schrecklichen Eindruck machte, und der den Tod meiner armen Mutter verschuldete.

KAPITEL II
     
     
    Diejenige Zeit meines Lebens, an die ich mich erinnern kann, beginnt erst sehr spät, erst mit meinem neunten Jahre. Ich weiß nicht, wie es gekommen ist, daß alles, was mir vor diesem Jahre begegnet ist, bei mir keinen klaren Eindruck hinterlassen hat, an den ich mich jetzt erinnern könnte. Aber von der Mitte meines neunten Lebensjahres an erinnere ich mich an alles ganz genau, Tag für Tag, ohne Unterbrechung, wie wenn alles, was seitdem geschehen ist, sich erst gestern zugetragen hätte. Allerdings kann ich wie im Traume mich auch an Dinge aus früherer Zeit erinnern:

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