Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Titel: Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fjodor Dostojewski
Vom Netzwerk:
mich auf seine Knie, und ich schmiegte mich fest und zärtlich an seine Brust. Dies war vielleicht die erste Liebkosung, die mir von ihm zuteil ward, und vielleicht fing ich infolgedessen an, mich seitdem an alles so genau zu erinnern. Ich merkte auch, daß ich mir diese Freundlichkeit von seiten meines Vaters dadurch verdient hatte, daß ich für ihn eingetreten war, und da blitzte mir wohl zum erstenmal der Gedanke auf, daß er von meiner Mutter viel Leid zu erdulden und zu ertragen habe. Seitdem blieb dieser Gedanke bei mir für immer fest haften und regte mich von Tag zu Tage mehr auf.
    Von diesem Augenblicke an begann in mir eine grenzenlose Liebe zu meinem Vater; aber es war eine ganz wunderliche, gar nicht kindliche Liebe. Ich würde sagen, es war eher ein mitleidiges, mütterliches Gefühl, wenn eine solche Bezeichnung für das Gefühl eines Kindes nicht einigermaßen lächerlich wäre. Mein Vater kam mir immer so bedauernswert, so grausam verfolgt, so niedergedrückt, so schwer leidend vor, daß es mir als etwas Furchtbares, Unnatürliches erschienen wäre, wenn ich ihn nicht hätte sinnlos lieben, ihn trösten, ihn, liebkosen und alles, was in meinen Kräften lag, für ihn hätte tun wollen. Aber bis auf diesen Tag verstehe ich nicht, wie mir der Gedanke in den Kopf kommen„ konnte, daß mein Vater ein solcher unglücklicher Mensch, ein solcher Märtyrer sei! Wer hatte diese Vorstellung bei mir erweckt? Wie konnte ich kleines Mädchen überhaupt etwas von seinem persönlichen Mißgeschick verstehen? Und doch verstand ich es, wiewohl ich mir alles in meinem Kopfe umdeutete und umgestaltete; aber bis auf diesen Tag kann ich mir noch nicht vorstellen, auf welche Weise dieser Eindruck bei mir zustande kam. Vielleicht war meine Mutter zu streng gegen mich, und ich schloß mich nun an meinen Vater an als an ein Wesen, das nach meiner Meinung mit mir zusammen litt.
    Ich habe schon von meinem ersten Erwachen aus dem Schlafe der Kindheit, von meinem ersten bewußten Handeln im Leben erzählt. Mein Herz war gleich vom ersten Augenblick an verwundet, und nun begann mit unbegreiflicher, maßloser Geschwindigkeit meine Entwicklung. Ich konnte mich nicht mehr mit bloßen äußeren Eindrücken begnügen; ich begann nachzudenken, zu überlegen, zu beobachten; aber diese Beobachtung fing so unnatürlich früh an, daß meine Einbildungskraft alles auf ihre Art umgestalten mußte und ich mich auf einmal gewissermaßen in einer besonderen Welt befand. Alles um mich herum nahm eine Ähnlichkeit mit den Dingen in jenem Zaubermärchen an, das mein Vater mir oft erzählte, und das ich damals nicht umhin konnte für reine Wahrheit zu halten. Es bildeten sich in meinem Kopfe sonderbare Begriffe. Ich wußte recht gut (aber ich weiß nicht, woher ich diese Erkenntnis hatte), daß ich in einer eigentümlichen Familie lebte, und das meine Eltern keine Ähnlichkeit mit den Leuten hatten, mit denen ich damals gelegentlich in Berührung kam. „Woher kommt es“, dachte ich, „woher kommt es, daß andere Leute, die ich zu sehen bekomme, schon äußerlich meinen Eltern so gar nicht ähnlich sind? Woher kommt es, daß ich auf anderen Gesichtern ein Lachen bemerkt habe und mir gleichzeitig eingefallen ist, daß in unserer Dachstube nie gelacht wird, nie jemand fröhlich ist?“ Welche Kraft, welche Ursache trieb mich, ein neunjähriges Kind, dazu an, mir so aufmerksam die Gesichter anzusehen und auf jedes Wort zu horchen, sooft ich zufällig Leute auf unserer Treppe oder auf der Straße traf, wenn ich abends, über meinen Lumpen in eine alte Jacke meiner Mutter gehüllt, mit ein paar Groschen nach einem Laden ging, um Zucker, Tee oder Brot zu kaufen? Ich verstand (und weiß noch nicht woher), daß in unserer Dachstube ein steter, unerträglicher Kummer herrschte. Ich zerbrach mir den Kopf und bemühte mich zu erraten, warum das so sei, und ich weiß nicht, wer mir half, dieses Rätsel auf meine Weise zu lösen; ich gab meiner Mutter die Schuld, hielt sie für die Todfeindin meines Vaters und muß noch einmal wiederholen: ich begreife nicht, wie eine so ungeheuerliche Vorstellung sich in meinem Kopfe hatte bilden können. Und je mehr ich mich an meinen Vater anschloß, um so mehr haßte ich meine arme Mutter. Bis auf den heutigen Tag ist mir die Erinnerung an alles dies ein tiefer, bitterer Schmerz. Aber ich will noch einen zweiten Fall erzählen, der in noch höherem Grade als der erste meine seltsame Zuneigung zu meinem Vater steigerte.

Weitere Kostenlose Bücher