Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)
warum wohnt er bei uns wie ein Fremder? Einige Worte der Mutter verhalfen mir zu einer Art von Antwort hierauf, und ich erfuhr mit einer gewissen Verwunderung, daß mein Vater ein Künstler sei (dieses Wort prägte sich meinem Gedächtnisse ein), ein talentvoller Mensch; in meiner Phantasie bildete sich sofort die Vorstellung, ein Künstler sei ein ganz besonderer Mensch und anderen Leuten nicht ähnlich. Vielleicht hatte auch das Benehmen meines Vaters mich auf diesen Gedanken geführt; vielleicht hatte ich etwas gehört, was jetzt meinem Gedächtnisse entschwunden ist; aber merkwürdig verständlich war mir der Sinn der Worte meines Vaters, die dieser einmal in meiner Gegenwart mit ganz besonderem Affekte aussprach. Diese Worte lauteten, es werde eine Zeit kommen, wo auch er nicht mehr in Armut leben, sondern selbst ein reicher, vornehmer Herr sein werde; es werde für ihn ein ganz neues Leben beginnen, wenn die Mutter gestorben sein werde. Ich erinnere mich, daß ich über diese Worte zunächst einen furchtbaren Schreck bekam. Ich konnte nicht im Zimmer bleiben, sondern lief auf unsern kalten Flur hinaus, stützte mich dort mit den Ellbogen auf das Fensterbrett, verbarg das Gesicht in den Händen und schluchzte. Aber als ich dann ein Weilchen darüber nachgedacht und mich an diesen entsetzlichen Wunsch meines Vaters gewöhnt hatte, kam mir plötzlich meine Phantasie zu Hilfe. Es lag nicht in meiner Natur, mich lange mit etwas Unbekanntem herumzuquälen; ich mußte unbedingt zu irgendwelcher Vorstellung gelangen. Und siehe da: ich weiß nicht, wie das alles anfing, aber schließlich bildete ich mir die Vorstellung, wenn die Mutter werde gestorben sein, dann werde der Vater diese ärmliche Wohnung verlassen und mit mir zusammen irgendwo anders hinziehen. Aber wohin, davon konnte ich mir bis zuletzt keine klare Vorstellung machen. Ich erinnere mich nur, daß alles, womit ich unsern künftigen Wohnort nur ausschmücken konnte (denn daß wir zusammen wegziehen würden, stand für mich ganz fest), alles, was meine Einbildungskraft Glänzendes, Üppiges und Prächtiges schaffen konnte, daß das alles in diesen Träumereien in Aktion gesetzt wurde. Ich meinte, wir würden sofort reich werden; ich würde dann nicht mehr zum Einholen in den Kramladen gehen, was mir immer sehr unangenehm war, weil jedesmal, wenn ich aus dem Hause trat, die Kinder aus dem Nachbarhause mich neckten und peinigten, und davor fürchtete ich mich schrecklich, namentlich wenn ich Milch oder Öl trug, da ich wußte, daß ich tüchtige Schelte bekam, wenn ich übergoß. Ferner stellte ich mir in meiner Träumerei vor, mein Vater werde sich sogleich gute Kleider machen lassen; wir würden in ein glänzendes Haus ziehen, und nun kamen dieses prachtvolle Haus mit den roten Vorhängen und mein Zusammentreffen mit dem Vater in der Nähe dieses Hauses, wo er mir etwas zeigen wollte, meiner Phantasie zu Hilfe. Und sofort stand es auch in meinen Zukunftsplänen fest, daß wir gerade in dieses Haus ziehen und in ihm wohnen würden und unser ganzes Leben da ein fortwährender Festtag, eine fortwährende Glückseligkeit sein werde. Seitdem blickte ich abends mit gespannter Neugier aus dem Fenster nach diesem für mich so zauberhaften Hause; ich erinnerte mich an die Auffahrt der Equipagen und an die Gäste, die so schön geputzt gewesen waren, wie ich sie vorher noch niemals gesehen gehabt hatte; ich glaubte wieder jene Klänge einer lieblichen Musik zu hören, die damals aus den Fenstern gedrungen waren; ich blickte nach den Schatten der Menschen hin, die hinter den Fenstervorhängen vorbeihuschten, und suchte immer zu erraten, was dort vorging – und immer schien es mir, daß dort das Paradies und ein ewiger Feiertag sei. Ich warf einen Haß auf unsere ärmliche Wohnung und auf die Lumpen, in denen ich selbst ging, und als meine Mutter mich einmal anrief und mir befahl vom Fenster wegzugehen, zu dem ich nach meiner Gewohnheit hinaufgestiegen war, da schoß mir sogleich der Gedanke durch den Kopf, sie wolle nicht, daß ich gerade dieses Haus ansähe und an dasselbe dächte; unser Glück sei ihr unangenehm, und sie suche es nach Möglichkeit zu hindern ... Den ganzen Abend über betrachtete ich meine Mutter aufmerksam und mißtrauisch. Wie hatte sich nur in meinem Herzen eine solche Erbitterung gegen ein stets leidendes Wesen herausbilden können, wie es meine Mutter war? Erst jetzt habe ich Verständnis für ihr leidvolles Leben und kann nicht, ohne daß mir
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