Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Titel: Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fjodor Dostojewski
Vom Netzwerk:
das Herz weh tut, an diese Dulderin denken. Selbst damals, in der dunklen Periode meiner wunderlichen Kinderzeit, in der Periode der so unnatürlichen Entwicklung meines ersten Geisteslebens, zog sich mir oft das Herz vor Schmerz und Mitleid krampfhaft zusammen, und Unruhe, Verwirrung und Zweifel befielen meine Seele. Schon damals regte sich in mir das Gewissen, und oft wurde ich mir mit Qual und Leid meiner Ungerechtigkeit gegen meine Mutter bewußt. Aber wir standen einander fremd gegenüber, und ich erinnere mich nicht, daß ich sie auch nur ein einziges Mal geliebkost hätte. Jetzt begegnet es mir nicht selten, daß ganz unbedeutende Erinnerungen meine Seele verwunden und erschüttern. So erinnere ich mich, daß einmal (was ich jetzt erzählen „will, ist ja freilich etwas ganz Unbedeutendes, Nichtiges, Gewöhnliches; aber gerade solche Erinnerungen quälen mich ganz besonders und haben sich am peinvollsten meinem Gedächtnisse eingeprägt), ich erinnere mich, daß eines Abends, als der Vater nicht zu Hause war, meine Mutter mich nach dem Kaufladen schicken wollte, um ihr Tee und Zucker einzuholen. Aber sie überlegte immer noch und konnte immer noch nicht zum Entschluß kommen und zählte laut die Kupfermünzen, die klägliche kleine Summe, über die sie verfügte. Sie rechnete, glaube ich, eine halbe Stunde lang und konnte mit ihrer Berechnung immer noch nicht fertig werden. Zudem versank sie manchmal für einige Minuten, wahrscheinlich infolge ihres Kummers, in eine Art von Gedankenlosigkeit. Ich erinnere mich, wie wenn es heute wäre, daß sie in einem solchen Zustande, der bei ihr nicht selten war, immer etwas vor sich hinsprach, wie wenn sie leise und langsam rechnete und ihr die Worte unabsichtlich aus dem Munde fielen; ihre Lippen und Wangen waren blaß; die Hände zitterten ihr fortwährend, und wenn sie für sich allein etwas überlegte, wiegte sie immer den Kopf hin und her. „Nein, es ist nicht nötig“, sagte sie, mich anblickend. „Ich will mich lieber schlafen legen. Nun? Bist du auch müde, Netotschka?“ Ich schwieg; da hob sie mir den Kopf in die Höhe und sah mich so still und freundlich an, und auf ihrem Gesichte leuchtete ein so mütterliches Lächeln auf, daß mir das Herz weh tat und stark zu schlagen begann. Überdies hatte sie mich Netotschka genannt, und das bedeutete, daß sie mich in diesem Augenblicke besonders lieb hatte. Diese Benennung hatte sie selbst erfunden, indem sie meinen Namen Anna liebevoll in die Verkleinerungsform Netotschka verwandelte, und wenn sie mich so nannte, so hatte das den Sinn, daß sie gegen mich zärtlich sein wollte. Ich war gerührt; es verlangte mich, sie zu umarmen, mich an sie zu drücken und mit ihr zusammen zu weinen. Dann streichelte die Arme lange meinen Kopf, vielleicht nur noch mechanisch und ohne daran zu denken, daß sie mich liebkoste, und sagte immer dabei: „Mein Kind, Annetta, Netotschka!“ Die Tränen stürzten mir aus den Augen; aber ich nahm mich zusammen und beherrschte mich. Ich zeigte einen gewissen Eigensinn darin, ihr gegenüber mein Gefühl nicht zum Ausdruck zu bringen, obgleich ich selbst darunter litt. Ja, das konnte keine natürliche Verbitterung in meinem Herzen sein. Sie konnte mich nicht einzig und allein durch ihre Strenge mir gegenüber dermaßen gegen sich aufgebracht haben. Nein! Was mich verdorben hatte, war die phantastische, ausschließliche Liebe zu meinem Vater. Manchmal wachte ich in der Nacht auf, in meinem Winkel, auf meiner zu kurzen Unterlage, unter meiner dünnen Decke, und dann befiel mich immer eine gewisse Furcht. Im Halbschlummer erinnerte ich mich daran, wie ich noch vor kurzem, als ich noch kleiner war, mit meiner Mutter zusammengeschlafen und mich damals beim Aufwachen in der Nacht weniger gefürchtet hatte; ich brauchte mich dann nur an sie zu schmiegen, die Augen zuzukneifen und sie fest zu umarmen und schlief dann oft sofort wieder ein. Ich fühlte immer noch, daß ich nicht anders konnte als sie im stillen lieben. Ich habe später die Beobachtung gemacht, daß auch viele andere Kinder oft in ungeheuerlicher Weise gefühllos sind und, wenn sie jemanden lieben, ihn ausschließlich lieben. So war es auch bei mir der Fall.
    Zuweilen trat in unserer Dachstube für ganze Wochen eine Totenstille ein. Vater und Mutter waren es müde geworden sich zu streiten, und ich lebte zwischen ihnen wie bisher, immer schweigend, immer nachdenkend, mich immer abhärmend und mich immer in meinen Träumereien nach

Weitere Kostenlose Bücher