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Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Titel: Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fjodor Dostojewski
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irgendwohin zu gehen, zuletzt oder, richtiger gesagt, vor allen Dingen auch ich mit meinen wunderlichen Träumereien, mit meinem phantasievollen Kopfe voll seltsamer, unmöglicher Visionen: alles dies vermischte sich in meinem Geiste miteinander derart, daß es bald ein vollständiges Chaos bildete und ich für einige Zeit alle Urteilskraft, alles Gefühl für Wahrheit und Wirklichkeit verlor und sozusagen in einer anderen Welt lebte. In dieser Zeit brannte ich vor Ungeduld, mit meinem Vater über das zu reden, was unser in der Zukunft warte, was er selbst erwarte, und wohin er mich mit sich führen werde, wenn wir endlich unsere Dachstube verlassen würden. Ich war meinerseits überzeugt, daß dies alles sich in naher Zeit vollziehen werde; aber wie und in welcher Form, das wußte ich nicht und quälte mich nur selbst, indem ich mir darüber den Kopf zerbrach. Manchmal (und das begegnete mir namentlich abends) schien es mir, als ob mein Vater mir im nächsten Augenblick heimlich einen Wink mit den Augen geben und mich auf den Flur hinausführen werde; dann wollte ich im Vorbeigehen, ohne daß die Mutter es merkte, meine Fibel mitnehmen und dann noch unser Bild, eine wertlose Lithographie, die seit undenklichen Zeiten uneingerahmt an der Wand hing, und die ich unter allen Umständen mitzunehmen beschlossen hatte, und dann wollten wir heimlich irgendwohin entfliehen, so daß wir nie wieder nach Hause zur Mutter zurückkehren würden. Eines Tages, als die Mutter nicht zu Hause war, paßte ich einen Augenblick ab, wo mein Vater besonders heiter gestimmt war (das war bei ihm der Fall, wenn er soeben Branntwein getrunken hatte), trat zu ihm heran und begann ein Gespräch mit ihm über irgend etwas, in der Absicht, sogleich auf das Thema überzugehen, das mir so sehr am Herzen lag. Endlich brachte ich ihn dahin, daß er lachte, und nun schlang ich meine Arme fest um ihn, und mit zitterndem Herzen und in solcher Angst, als ob ich im Begriff wäre von etwas Geheimnisvollem und Furchtbarem zu reden, begann ich unzusammenhängend und bei jedem Satze mich verwirrend ihn zu befragen: wohin wir gehen würden, und ob bald, und was mir mitnehmen würden, und wie wir leben würden, und endlich, ob wir in das Haus mit den roten Vorhängen gehen würden.
    „In das Haus mit den roten Vorhängen? Was soll das heißen? Was schwatzt du für Unsinn, dummes Kind?“
    Nun begann ich, in noch größerer Angst als vorher, ihm die Sache zu erklären: wenn die Mutter werde gestorben sein, würden wir beide doch nicht mehr in der Dachstube wohnen bleiben; er werde mich dann irgendwohin fuhren, und wir würden beide reich und glücklich sein; ich versicherte ihm schließlich, daß er mir das alles selbst versprochen habe. Als ich ihm das versicherte, war ich vollständig davon überzeugt, daß mein Vater wirklich früher mit mir davon gesprochen habe; wenigstens schien es mir so.
    „Die Mutter? Gestorben? Wann wird die Mutter sterben?“ wiederholte er, indem er mich erstaunt ansah, seine dichten, schon ergrauenden Augenbrauen zusammenzog und ein etwas anderes Gesicht machte als vorher. „Was redest du da, du armes, dummes...“
    Und nun begann er, mich auszuschelten, und redete lange zu mir, ich sei ein dummes Kind, ich verstände noch nichts ... Ich erinnere mich nicht, was er noch alles sagte; aber er war sehr ärgerlich.
    Ich verstand kein Wort von seinen Vorwürfen, verstand nicht, wie er es übelnehmen konnte, daß ich die Worte, die er einmal im Zorn und in tiefem Verdruß zu meiner Mutter gesagt hatte, gehört, sie mir eingeprägt und seitdem viel über sie im stillen nachgedacht hatte. Aber in welchem Zustande er sich auch damals befinden und wie stark auch seine eigene Überspanntheit sein mochte, so war es doch nur natürlich, daß ihn dies alles heftig erschütterte. Ich begriff nun zwar gar nicht, worüber er zornig war; aber es wurde mir doch schrecklich traurig zumut, und ich fing an zu weinen; ich hatte die Vorstellung, alles, was unser warte, sei wohl so bedeutsam, daß ich dummes Kind nicht hätte wagen sollen daran zu denken und davon zu reden. Außerdem fühlte ich, obgleich ich meinen Vater vom ersten Worte an nicht verstanden hatte, dennoch wenn auch nur dunkel, daß ich meine Mutter beleidigt hatte. Schrecken und Angst befielen mich, und Zweifel schlichen sich in meine Seele. Da begann mein Vater, als er sah, daß ich weinte und mich sehr unglücklich fühlte, mich zu trösten, wischte mir mit dem Rockärmel die Tränen

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