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Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Titel: Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fjodor Dostojewski
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ab und sagte, ich solle nicht mehr weinen. Eine ganze Weile saßen wir beide schweigend da; er machte ein finsteres Gesicht und schien über etwas nachzudenken; dann fing er von neuem an mit mir zu reden; aber wie sehr ich auch meine Aufmerksamkeit anstrengte, alles, was er sagte, blieb mir ganz unklar. Aus einigen Worten dieses Gespräches, die ich bis heute im Gedächtnisse behalten habe, schließe ich, daß er mir auseinandersetzte, was er für ein Mann sei, was für ein großer Künstler, daß ihn niemand verstehe, und daß er ein großes Talent besitze. Ich erinnere mich noch an folgendes: er fragte mich, ob ich ihn verstanden hätte, erhielt natürlich eine bejahende Antwort und legte mir dann die Frage vor, ob er Talent besitze; ich bejahte auch diese Frage, worauf er leise lächelte, weil es ihm vielleicht selbst komisch vorkam, daß er über einen für ihn so bedeutsamen Gegenstand sich mit mir in ein Gespräch eingelassen hatte. Unser Gespräch wurde durch den Eintritt Karl Fjodorowitschs unterbrochen, und ich lachte auf und wurde wieder ganz heiter, als mein Vater, auf ihn zeigend, zu mir sagte:
    „Aber dieser Karl Fjodorowitsch hier besitzt nicht für eine Kopeke Talent.“
    Dieser Karl Fjodorowitsch war eine sehr merkwürdige Persönlichkeit. Ich bekam in jener Zeit meines Lebens so wenige Menschen zu sehen, daß ich ihn nicht habe vergessen können. Ich sehe ihn vor mir, wie wenn es heute wäre: er war ein Deutscher mit dem Familiennamen Meyer, in Deutschland geboren, und war nach Rußland gekommen mit dem brennenden Wunsche, in das Petersburger Corps de ballet einzutreten. Aber er war ein sehr schlechter Tänzer, so daß er nicht einmal als Figurant zu gebrauchen war und im Theater in Statistenrollen verwendet wurde. Er spielte stumme Rollen in dem Gefolge von Fortinbras oder war einer jener veronesischen Ritter, die alle zusammen, zwanzig an der Zahl, ihre Dolche von Pappe in die Höhe heben und rufen: „Wir wollen für den König sterben!“ Aber gewiß gab es keinen Schauspieler auf der Welt, der sich mit solcher Leidenschaft seinen Rollen hingegeben hätte wie dieser Karl Fjodorowitsch. Das größte Unglück und Leid seines ganzen Lebens war, daß er nicht zum Ballett gekommen war. Die Tanzkunst stellte er über alle andern Künste, die es in der Welt gibt, und er hing an ihr in seiner Art ebenso wie mein Vater an der Geige. Er war mit meinem Vater bekannt geworden, als sie noch beim Theater angestellt waren, und seitdem verließ der Figurant a. D. ihn nicht mehr. Beide kamen sehr oft miteinander zusammen und weinten dann über ihr unglückliches Schicksal und darüber, daß sie von den Menschen verkannt würden. Der Deutsche war der gefühlvollste, zärtlichste Mensch von der Welt und hegte gegen meinen Vater die wärmsten Gefühle uneigennütziger Freundschaft; aber dieser schien keine besondere Zuneigung zu ihm zu empfinden und duldete ihn als Bekannten nur in Ermangelung anderer. Überdies konnte mein Vater bei seiner Einseitigkeit nie begreifen, daß auch die Tanzkunst eine Kunst sei, und kränkte dadurch den armen Deutschen oft bis zu Tränen. Da er diese seine schwache Seite kannte, berührte er sie immer absichtlich und amüsierte sich über den unglücklichen Karl Fjodorowitsch, wenn dieser ihm das Gegenteil zu beweisen suchte und dabei hitzig wurde und außer sich geriet. Ich habe später viel über diesen Karl Fjodorowitsch von B... gehört, der ihn ein Nürnberger Hoppsmännchen nannte. B... erzählte sehr vieles von dessen Freundschaft mit meinem Vater, unter anderem, daß sie oft zusammengekommen seien und, sobald sie etwas hätten getrunken gehabt, über ihr Schicksal geweint hätten und darüber, daß sie verkannt seien. Ich erinnere mich selbst an diese Zusammenkünfte und erinnere mich auch, daß ich, wenn ich die beiden wunderlichen Käuze ansah, ebenfalls manchmal loschluchzte, ohne zu wissen warum. Das geschah immer nur, wenn meine Mutter nicht zu Hause war; denn vor dieser hatte der Deutsche eine furchtbare Angst und stand immer vorher auf dem Flur und wartete, bis jemand herauskam, und wenn er erfuhr, daß meine Mutter zu Hause sei, lief er sofort wieder die Treppe hinunter. Er brachte jedesmal deutsche Gedichte mit, las sie uns beiden mit flammender Begeisterung vor und übersetzte sie dann, um sie uns verständlich zu machen, in ein gebrochenes Russisch. Das erheiterte meinen Vater sehr; ich aber lachte manchmal bis zu Tränen. Aber einmal hatten sie sich beide ein

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