Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)
bist ein treuloser Freund!“
Dann griff er nach seinem Hute und lief davon, indem er bei allem, was heilig ist, schwur, er werde nie wiederkommen. Aber derartige Streitigkeiten waren nicht von langer Dauer; einige Tage darauf erschien er wieder bei uns; von neuem begann die Lektüre des berühmten Dramas; von neuem wurden Tränen vergossen, und dann bat uns der naive Karl Fjodorowitsch von neuem, seinen Streit mit den Menschen und dem Schicksal zu entscheiden; nur flehte er uns an, diesmal ernsthaft unser Urteil abzugeben, wie es sich für wahre Freunde zieme, und uns nicht über ihn lustig zu machen.
Einstmals hatte mich meine Mutter nach dem Kaufladen geschickt, um etwas einzuholen, und ich hatte beim Rückwege vorsichtig eine kleine Silbermünze, die ich herausbekommen hatte, in der Hand. Als ich die Treppe hinaufstieg, begegnete ich meinem Vater, welcher ausgehen wollte. Ich lachte ihn an, da ich meine Freude, ihn zu sehen, nicht unterdrücken konnte, und als er sich niederbeugte, um mich zu küssen, bemerkte er in meiner Hand die Silbermünze ... Ich habe vergessen zu sagen, daß ich mit dem Ausdruck seines Gesichtes so genau Bescheid wußte, daß ich fast immer sofort beim ersten Blick seine Wünsche erriet. Wenn er traurig war, wollte mir das Herz brechen vor Mitleid. Am häufigsten und größten war sein Kummer, wenn er gar kein Geld hatte und daher keinen Tropfen Branntwein trinken konnte; denn das Trinken war ihm schon zur Gewohnheit geworden. Aber in diesem Augenblicke, wo wir uns auf der Treppe trafen, schien es mir, als ob in ihm etwas Besonderes vorgehe. Seine trüb gewordenen Augen irrten unstet umher, und im ersten Augenblick bemerkte er mich gar nicht; als er aber dann in meiner Hand die glänzende Silbermünze sah, wurde er auf einmal rot und dann wieder blaß; er wollte schon die Hand ausstrecken, um mir das Geldstück abzunehmen, zog sie aber sogleich wieder zurück. Augenscheinlich ging in seinem Innern ein Kampf vor. Schließlich schien er sich überwunden zu haben, hieß mich nach oben gehen und ging einige Stufen hinunter; aber plötzlich blieb er stehen und rief mich eilig zu sich.
Er war sehr verlegen.
„Hör mal, Netotschka“, sagte er, „gib mir das Geld; ich werde es dir nachher wiederbringen. Ja? Du wirst es doch deinem Papa geben? Du bist doch ein gutes Kind, Netotschka?“
Ich hatte das schon geahnt. Aber der Gedanke daran, wie böse die Mutter sein werde, und Furcht vor Strafe und vor allem ein instinktives Gefühl der Scham über meine und meines Vaters Handlungsweise hielten mich im ersten Augenblick davon zurück, ihm das Geld auszuhändigen. Er bemerkte dies sofort und sagte hastig:
„Nun, es ist auch nicht nötig, es ist auch nicht nötig!...“
„Nein, nein, Papa, nimm es! Ich werde sagen, ich hätte es verloren; die Nachbarskinder hätten es mir fortgenommen.“ „Nun gut, gut; ich wußte ja, daß du ein kluges Mädchen bist“, sagte er; er lächelte mit zitternden Lippen und suchte seine Freude, als er das Geldstück in seiner Hand fühlte, nicht mehr zu verbergen. „Du bist ein gutes Mädchen, du bist mein Engelchen! Zeig her, ich will dir dein Händchen küssen!“
Er ergriff meine Hand und wollte sie küssen; aber ich entzog sie ihm schnell. Ein tiefes Mitleid ergriff mich, und das Gefühl der Scham peinigte mich immer stärker. Ich ließ den Vater stehen, ohne von ihm Abschied zu nehmen, und lief voll Angst nach oben. Als ich ins Zimmer trat, brannten mir die Backen, und das Herz schlug mir heftig infolge einer quälenden, mir bis dahin unbekannten Empfindung. Indessen sagte ich dreist zu meiner Mutter, das Geldstück sei mir in den Schnee gefallen, und ich hätte es nicht wiederfinden können. Ich erwartete zum mindesten eine Tracht Schläge; aber es erfolgte nichts derart. Meine Mutter war allerdings anfänglich außer sich vor Ärger, weil wir furchtbar arm waren. Sie schrie mich an, schien sich dann aber sofort eines andern zu besinnen, schalt mich nicht mehr und bemerkte nur, ich sei ein ungeschicktes, nachlässiges Mädchen und hätte sie offenbar nicht sehr lieb, da ich ihr Eigentum so wenig in acht nähme. Diese Bemerkung war mir schmerzlicher, als wenn ich Schläge bekommen hätte. Aber meine Mutter kannte mich schon; sie kannte meine Empfindsamkeit, die oft bis zu krankhafter Reizbarkeit ging, und glaubte mit dem bitteren Vorwurfe der Lieblosigkeit auf mich mehr Eindruck zu machen und mich für die Zukunft zu größerer Vorsicht zu
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