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Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)

Titel: Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Fjodor Dostojewski
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sei; es werde mir viel Freude machen, es zu sehen. Damit knöpfte er sich die Weste auf und zog ein Schlüsselchen heraus, das er an einem schwarzen Schnürchen am Halse hängen hatte. Dann sah er mich geheimnisvoll an, als wolle er in meinen Augen das ganze Vergnügen lesen, das ich seiner Meinung nach empfinden mußte, öffnete einen Koffer und nahm aus ihm behutsam einen schwarzen Kasten von eigentümlicher Form heraus, den ich bisher noch nie bei ihm gesehen hatte. Er faßte diesen Kasten mit einer Art von Scheu an und war auf einmal ganz verändert: das Lachen war von seinem Gesichte verschwunden, das plötzlich einen sozusagen feierlichen Ausdruck annahm. Endlich öffnete er den geheimnisvollen Kasten mit dem Schlüsselchen und nahm ein Ding heraus, das ich bisher noch nie gesehen hatte, ein Ding von ganz sonderbarer Gestalt. Vorsichtig und andachtsvoll nahm er es in die Hand und sagte, das sei seine Geige, sein Instrument. Nun begann er, mir vieles mit leiser, feierlicher Stimme zu sagen; aber ich verstand es nicht und behielt nur die mir bereits bekannten Ausdrücke im Gedächtnis: daß er ein Künstler sei, daß er Talent besitze, daß er später einmal auf der Geige spielen werde, und daß wir dann endlich alle reich werden und ein großes Glück erlangen würden. Die Tränen traten ihm in die Augen und liefen ihm über die Backen. Ich war sehr gerührt. Zuletzt küßte er die Geige und gab sie auch mir zum Küssen. Da er sah, daß ich sie gern näher betrachtet hätte, so führte er mich an das Bett meiner Mutter und gab mir die Geige in die Hände; aber ich sah, daß er ordentlich zitterte vor Angst, ich könnte sie irgendwie beschädigen. Ich nahm die Geige in die Hände und berührte die Saiten, die einen schwachen Ton gaben.
    „Das ist Musik“, sagte ich, indem ich meinen Vater anblickte.
    „Ja, ja, das ist Musik“, wiederholte er, sich fröhlich die Hände reibend; „du bist ein kluges Kind, ein gutes Kind!“ Aber trotz seines Lobes und seines Entzückens sah ich, daß er für seine Geige fürchtete, und bekam es nun ebenfalls mit der Angst; ich gab sie ihm möglichst schnell zurück. Die Geige wurde mit denselben Vorsichtsmaßregeln wieder in den Kasten gelegt, der Kasten zugeschlossen und in den Koffer gestellt; mein Vater streichelte mir nochmals den Kopf und versprach, mir die Geige jedesmal zu zeigen, wenn ich so verständig, gut und gehorsam sein würde wie jetzt. Auf diese Weise hatte die Geige unsern gemeinsamen Kummer verscheucht. Erst am Abend flüsterte mir der Vater beim Weggehen zu, ich solle nicht vergessen, was er mir gestern gesagt habe.
    So wuchs ich in unserer Dachstube heran, und meine Liebe – nein, ich will lieber sagen meine Leidenschaft; denn ich finde kein Wort, das stark genug wäre, meine unhemmbar hervorbrechende, für mich selbst qualvolle Empfindung gegen meinen Vater auszudrücken – steigerte sich bis zu einer geradezu krankhaften Reizbarkeit. Ich kannte nur ein Vergnügen: an ihn zu denken und von ihm zu träumen, nur ein Verlangen: alles zu tun, was ihm auch nur im geringsten Freude machen konnte. Wie oft erwartete ich seine Ankunft auf der Treppe, oft zitternd und blau vor Kälte, nur um etwas früher, wenn auch nur einen Augenblick früher, zu wissen, daß er wieder da sei, und ihn sobald wie möglich zu sehen! Ich war wie sinnlos vor Freude, wenn er mir manchmal eine Liebkosung zuteil werden ließ, mochte sie auch noch so gering sein. Dabei aber war mir oft das Bewußtsein schmerzlich und quälend, daß ich gegen meine arme Mutter in so hartnäckiger Weise kalt blieb; es gab Augenblicke, wo mir das Herz brechen wollte vor Kummer und Mitleid, wenn ich sie ansah. Bei der dauernden Feindschaft zwischen meinem Vater und meiner Mutter konnte ich nicht gleichgültig bleiben und mußte zwischen ihnen wählen, mußte die Partei des einen oder des andern ergreifen, und ich ergriff die Partei dieses halb irrsinnigen Menschen wohl einzig und allein deshalb, weil er mir so kläglich und niedergedrückt erschien und gleich von Anfang an einen so unbegreiflichen Eindruck auf meine Phantasie gemacht hatte. Aber wer könnte den wahren Grund mit Sicherheit angeben? Vielleicht fühlte ich mich auch gerade deswegen zu ihm hingezogen, weil er so sonderbar war, selbst in seinem Äußeren, und nicht so ernst und finster wie meine Mutter, und weil er beinah verrückt war, und weil häufig bei ihm etwas Possenhaftes, ein kindliches Wesen zum Vorschein kam, und endlich weil ich vor

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