Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)
Blitz getroffen sterben, weil es ihm zu furchtbar sein würde, sich von der fixen Idee zu trennen, der er sein ganzes Leben geopfert hat, und die im Grunde doch auf einem tiefen, ernsten Fundamente ruhte, da er anfänglich wirklich einen echten Beruf zur Kunst hatte.“
„Da kann man gespannt sein, was er anfangen wird, wenn er S...z hört“, bemerkte der Fürst.
„Ja“, versetzte B... nachdenklich. „Aber nein, er wird sich sofort wieder zurechtfinden; seine Verdrehtheit ist stärker als die wahre Einsicht, und er wird sich sogleich irgendeine Ausrede ersinnen.“
„Meinen Sie?“ erwiderte der Fürst.
In diesem Augenblicke waren sie ganz in die Nähe meines Vaters gelangt. Dieser wollte unbemerkt vorübergehen; aber B... hielt ihn an und begann ein Gespräch mit ihm. Er fragte ihn, ob er das S...zsche Konzert besuchen werde. Mein Vater antwortete in gleichgültigem Tone, er wisse es noch nicht; er habe etwas vor, was ihm wichtiger sei als solche Konzerte und als alle angereisten Virtuosen; indessen wolle er einmal sehen, und wenn er sich ein freies Stündchen abmüßigen könne, warum nicht? Dann werde er mal hingehen. Darauf warf er einen schnellen, unruhigen Blick nach B... und dem Fürsten hin, lächelte mißtrauisch, griff an den Hut, nickte mit dem Kopfe und ging vorüber, indem er zur Entschuldigung sagte, er habe keine Zeit.
Aber ich wußte schon seit einem Tage von der Sorge des Vaters. Ich wußte nicht, was ihn eigentlich quälte; aber ich sah, daß er sich in einer furchtbaren Unruhe befand; sogar meine Mutter bemerkte dies. Sie war in dieser Zeit sehr krank und konnte kaum die Beine bewegen. Der Vater kam alle Augenblicke nach Hause und ging wieder fort. Am Vormittag erhielt er Besuch von drei oder vier Leuten, früheren Kollegen von ihm, worüber ich sehr erstaunt war, da außer Karl Fjodorowitsch Fremde fast nie zu uns kamen; denn seit der Vater vom Theater ganz weg war, hatten alle die Bekanntschaft mit uns aufgegeben. Endlich kam auch Karl Fjodorowitsch ganz außer Atem angelaufen und brachte eine Konzertanzeige. Ich strengte meine Augen und Ohren an, um zu verstehen, was vorging, und alles beunruhigte mich so, als ob ich allein an der ganzen Aufregung schuld wäre, die ich auf dem Gesichte meines Vaters las. Ich hätte gern verstanden, wovon sie sprachen, und hörte zum erstenmal den Namen S...z. Ferner vernahm ich, daß man mindestens fünfzehn Rubel bezahlen müsse, wenn man diesen S...z hören wolle. Ich erinnere mich auch, daß mein Vater sich nicht beherrschen konnte und mit einer wegwerfenden Handbewegung sagte, er kenne schon diese Meerwunder, diese unerhörten Talente; er kenne auch S...z; das seien alles Juden, die nach russischem Gelde lüstern wären, weil die Russen in ihrer Einfalt allen Unsinn glaubten und ganz besonders das, was die Franzosen in die Welt hinausposaunten. Ich verstand bereits, was der Ausdruck „kein Talent“ bedeutete. Die Besucher lachten und gingen bald darauf alle weg; der Vater blieb in sehr übler Laune zurück. Ich verstand, daß er aus irgendwelchem Grunde auf diesen S...z ärgerlich war, und um ihm etwas Liebes zu tun und seinen Kummer zu verscheuchen, trat ich an den Tisch heran, nahm die Konzertanzeige auf, begann sie zu entziffern und las laut den Namen S...z. Dann blickte ich meinen Vater, der in Gedanken versunken auf seinem Stuhle saß, lachend an und sagte: „Das ist gewiß auch so einer wie Karl Fjodorowitsch; dem gelingt gewiß auch nichts.“ Der Vater fuhr zusammen, wie wenn er einen Schreck bekommen hätte, riß mir die Konzertanzeige aus den Händen, schrie und stampfte mit den Füßen, ergriff seinen Hut und verließ das Zimmer; aber im nächsten Augenblicke kehrte er wieder zurück, rief mich auf den Flur hinaus, küßte mich und begann mit einer Art von Unruhe und geheimer Angst mir zu sagen, ich sei ein verständiges, gutes Kind; ich werde ihn gewiß nicht erzürnen wollen; er erwarte von mir einen großen Dienst. Aber um was es sich handelte, das sagte er nicht. Dabei war es mir peinlich, ihn reden zu hören; denn ich merkte, daß seine Worte und Liebkosungen nicht aufrichtig waren, und all das ergriff mich heftig. Eine qualvolle Unruhe überkam mich seinetwegen.
Am andern Tage beim Mittagessen (das war schon am Tage vor dem Konzerte) war mein Vater in sehr gedrückter Stimmung. Er sah furchtbar verändert aus und blickte fortwährend nach der Mutter hin. Endlich knüpfte er zu meiner Verwunderung sogar ein Gespräch über
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