Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)
irgendeinen Gegenstand mit ihr an; ich sage: zu meiner Verwunderung, denn er redete sonst fast nie mit ihr. Nach Tische benahm er sich gegen mich ganz besonders freundlich; alle Augenblicke rief er mich unter diesem und jenem Vorwande auf den Flur hinaus, blickte um sich, als ob er ertappt zu werden fürchtete, streichelte mir fortwährend den Kopf, küßte mich immerzu und sagte, ich sei ein gutes Kind, ein gehorsames Kind; ich hätte meinen Papa gewiß lieb und würde gewiß tun, um was er mich bäte. All das rief bei mir ein unerträgliches Gefühl der Beklemmung hervor. Endlich, als er mich zum zehntenmal auf die Treppe hinausgerufen hatte, wurde die Sache klar. Mit ängstlicher, gequälter Miene, sich unruhig nach allen Seiten umblickend, fragte er mich, ob ich nicht wüßte, wo die Mutter die fünfundzwanzig Rubel aufbewahre, die sie gestern Morgen nach Haus gebracht habe. Ich wurde starr vor Schreck, als ich diese Frage hörte. Aber in diesem Augenblicke wurde ein Geräusch von jemand, der auf der Treppe ging, hörbar; der Vater erschrak, ließ mich stehen und lief aus dem Hause. Er kehrte erst gegen Abend zurück, finster, traurig und sorgenvoll; schweigend setzte er sich auf einen Stuhl und begann dann, mit einer Art von freudiger Hoffnung mich anzusehen. Mich befiel eine große Angst, und ich vermied seine Blicke absichtlich. Endlich rief mich die Mutter, die den ganzen Tag im Bette gelegen hatte, zu sich heran, gab mir etwas Kupfergeld und schickte mich zum Kaufmann, um Tee und Zucker zu holen. Tee wurde bei uns nur sehr selten getrunken; die Mutter erlaubte sich diesen für unsere Mittel luxuriösen Genuß nur, wenn sie sich krank fühlte und fieberte. Ich nahm das Geld, ging auf den Flur und fing sofort an zu laufen, als ob ich fürchtete, daß mich jemand einholen könne. Aber das, was ich geahnt hatte, geschah wirklich: mein Vater holte mich ein, als ich schon auf der Straße war, und hieß mich wieder auf die Treppe zurückkommen.
„Netotschka!“ sagte er mit zitternder Stimme. „Mein Täubchen! Höre: gib mir das Geld; ich werde gleich morgen...“
„Papachen, Papachen!“ rief ich flehend und warf mich ihm zu Füßen. „Papachen! Das kann ich nicht! Das darf ich nicht! Mama muß Tee trinken ... Ich darf es ihr nicht wegnehmen; das darf ich unmöglich! Ich will dir ein andermal...“
„Also du willst nicht? Du willst nicht?“ flüsterte er mir wie rasend zu. „Also du willst mich nicht liebhaben? Nun gut! Dann werde ich dich verlassen. Bleib du bei Mama, und ich werde von euch fortgehen und dich nicht mitnehmen. Hörst du wohl, du böses Mädchen? Hörst du wohl?“
„Papachen!“ rief ich in höchster Angst. „Nimm das Geld! Da! Was soll ich jetzt machen?“ sagte ich, die Hände ringend und ihn am Rockflügel fassend. „Mama wird wieder weinen; Mama wird mich wieder schelten!“
Er schien so viel Widerstand nicht erwartet zu haben; aber er nahm das Geld. Als er schließlich mein Klagen und Schluchzen nicht mehr ertragen konnte, ließ er mich auf der Treppe stehen und lief hinunter. Ich ging nach oben; aber an der Tür unserer Wohnung verließ mich die Kraft; ich wagte nicht hineinzugehen, war nicht imstande hineinzugehen; mein Herz war in seinen Grundtiefen erschüttert und aufgewühlt. Ich verbarg das Gesicht in den Händen und lief zum Fenster wie damals, als ich den Vater zum erstenmal den Wunsch aussprechen hörte, daß die Mutter sterben möchte. Ich befand mich in einer Art von Geistesabwesenheit und Erstarrung und horchte zusammenfahrend nach dem leisesten Geräusche auf der Treppe hin. Endlich hörte ich, daß jemand eilig die Treppe heraufkam. Das war er; ich erkannte seinen Schritt.
„Du bist hier?“ sagte er flüsternd.
Ich stürzte zu ihm hin.
„Da!“ rief er und schob mir das Geld in die Hand. „Da! Nimm es zurück! Ich bin jetzt nicht mehr dein Vater, hörst du wohl? Ich will jetzt nicht mehr dein Papa sein! Du hast Mama lieber als mich! Geh du also zur Mama! Ich will von dir nichts mehr wissen!“ Mit diesen Worten stieß er mich von sich und lief wieder die Treppe hinunter. Weinend stürzte ich hinter ihm her, um ihn einzuholen.
„Papachen! Bestes Papachen! Ich will gehorsam sein!“ rief ich. „Ich habe dich lieber als Mama! Nimm das Geld zurück, nimm es zurück!“
Aber er hörte mich nicht mehr; er war verschwunden. Diesen ganzen Abend war ich wie zerschlagen und zitterte in starkem Fieber. Ich erinnere mich, daß meine Mutter etwas zu mir sagte und
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