Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)
könnte. Beim Mittagessen machte sich sein sonderbares Benehmen noch auffälliger bemerkbar. Er konnte schlechterdings nicht still auf einem Fleck sitzen, rührte keine Speise an, stand alle Augenblicke auf und setzte sich wieder hin, als ob er sich eines andern besonnen hätte. Bald faßte er nach seinem Hute, wie wenn er sich anschickte auszugehen; bald wurde er auf einmal in wunderlicher Manier zerstreut und murmelte fortwährend etwas vor sich hin. Dann plötzlich sah er mich an, blinzelte mir mit den Augen zu und machte mir Zeichen, als ob er ungeduldig darauf warte, das Geld so bald wie möglich zu bekommen, und ärgerlich darüber sei, daß ich es der Mutter noch nicht weggenommen hätte. Sogar die Mutter bemerkte all diese Sonderbarkeiten und blickte ihn erstaunt an. Mir aber war zumute, als sei ich zum Tode verurteilt. Das Mittagessen war zu Ende; ich drückte mich in eine Ecke und zählte, zitternd wie im Fieber, jede Minute bis zu der Zeit, wo die Mutter mich gewöhnlich einkaufen schickte. In meinem ganzen Leben habe ich keine qualvolleren Stunden verbracht; sie werden mir lebenslänglich im Gedächtnis bleiben. Was machte ich da nicht alles für Empfindungen durch! Es gibt Minuten, in denen man innerlich weit mehr durchlebt als sonst in ganzen Jahren. Ich fühlte, daß ich eine schlechte Tat beging; er selbst hatte ja meine guten Instinkte unterstützt, als er mich zum erstenmal kleinmütig zum Bösen verleitet und dann, selbst erschrocken darüber, mir auseinandergesetzt hatte, daß ich sehr schlecht gehandelt hätte. Konnte er denn nicht begreifen, wie schwer es ist, eine Natur zu betrügen, die danach begehrt, sich über ihre Empfindungen klar zu werden, und durch Gefühl und Nachdenken bereits mit Gut und Böse wohl Bescheid weiß? Ich begriff ja, daß es nur die äußerste Not war, die ihn dazu bewog, mich noch einmal zum Bösen zu verleiten, mein widerstandsloses Gewissen wankend zu machen und auf diese Weise meine arme, schutzlose Kindheit zu opfern. Und jetzt dachte ich, in meine Ecke gedrückt, darüber nach: warum hat er mir denn eine Belohnung für etwas versprochen, was ich schon aus eigenem Willen zu tun entschlossen war? Neue Empfindungen, neue mir bisher unbekannte Triebe, neue Fragen erhoben sich scharenweise in meinem Innern, und ich marterte mich ab mit diesen Fragen. Dann dachte ich auf einmal an die Mutter; ich stellte mir ihren Kummer vor beim Verluste ihres letzten Arbeitsverdienstes. Endlich legte die Mutter ihre Arbeit hin, mit der sie sich schon über ihre Kraft abgemüht hatte, und rief mich zu sich. Ich fuhr zitternd zusammen und trat zu ihr. Sie nahm Geld aus der Kommode, gab es mir und sagte: „Geh, Netotschka; aber laß dir um Gottes willen nicht falsch herausgeben wie neulich, und verliere nichts!“ Ich richtete einen flehenden Blick auf meinen Vater; aber er nickte mit dem Kopfe, lächelte mir ermutigend zu und rieb sich vor Ungeduld die Hände. Es schlug sechs, und das Konzert war auf sieben Uhr angesetzt. Auch er hatte offenbar in dieser Wartezeit viel durchgemacht.
Ich blieb auf der Treppe stehen und wartete auf ihn. Er war so aufgeregt und ungeduldig, daß er mir ohne alle Vorsicht sogleich nachgelaufen kam. Ich gab ihm das Geld: auf der Treppe war es dunkel, und ich konnte sein Gesicht nicht sehen; aber ich merkte, daß er am ganzen Leibe zitterte, als er es hinnahm. Ich stand wie erstarrt da und konnte mich nicht von der Stelle rühren; endlich kam ich zur Besinnung, als er mich nach oben schickte, um ihm seinen Hut zu holen. Er wollte nicht noch einmal hineingehen.
„Papa! Willst du denn ... willst du denn nicht mit mir mitkommen?“ fragte ich mit versagender Stimme; ich setzte meine letzte Hoffnung auf seinen Beistand.
„Nein ... geh nur allein ... ja? Warte, warte!“ rief er, da ihm etwas einfiel; „warte, ich will dir gleich Konfekt holen; aber geh nur erst hinauf und bringe mir meinen Hut her!“
Mir war, als ob eine eiskalte Hand mir auf einmal das Herz zusammenpreßte. Ich schrie auf, stieß ihn von mir und stürzte nach oben. Als ich ins Zimmer trat, sah ich ganz entstellt aus, und wenn ich jetzt gesagt hätte, es habe mir jemand das Geld weggenommen, so hätte meine Mutter mir geglaubt. Aber ich konnte in diesem Augenblicke kein Wort herausbringen. In einem Anfall krampfhafter Verzweiflung warf ich mich quer über das Bett der Mutter und bedeckte mir das Gesicht mit den Händen. Einen Augenblick darauf knarrte leise die Tür, und der Vater trat
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