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Willkommen in Wellville

Willkommen in Wellville

Titel: Willkommen in Wellville Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: T. C. Boyle
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niedersausen. »Mißachtung eines jeden Prinzips menschlichen Anstands und Übertretung des Gesetzes? Habe ich recht, meine Herren?«
    Verwundert war die kleine Gruppe einen Schritt zurückgewichen. Georges süffisantes Grinsen war erloschen. Der jüngere Mann sah aus, als ob er Angst hätte. Nur Bender schien nicht beunruhigt, bedachte den vor Wut schäumenden kleinen Doktor mit einem wissenden Blick.
    Der Doktor hatte das Telephon zur Hand genommen. Sein Ton war knapp, professionell, und er hielt den Blick auf Bender gerichtet, während er in die Sprechmuschel sprach. »Schroeder? Hier spricht Dr. Kellogg. Es handelt sich um einen Notfall in meinem Büro. Bitte schicken Sie sofort fünf Pfleger her.« Er hängte die Hörmuschel auf, als wäre sie ein geladenes Gewehr, breitete die Arme weit aus und beugte sich nach vorn über den Schreibtisch. Unter dem Augenschirm funkelten Lichter auf seinen Brillengläsern. Als er wieder sprach, war seine Stimme maßvoll und gelassen. »Gehen Sie mit Ihren billigen Drohungen woandershin, meine Herren – wenn ich diese Anrede mal locker gebrauchen darf. Ich schlage Ihnen für den Anfang meinen Bruder Will vor. Er war schon vor euch da, Jungs, und hat meinen Namen ganz für sich allein beschlagnahmt. ›Nur echt mit dieser Unterschrift.‹ Ha! Und sie ist nicht mehr wert als ein Haufen kalter Mist. Meine Anwälte werden sich um ihn kümmern, und um Sie auch.«
    Niemand sagte ein Wort. Das Schweigen war vollkommen bis auf das Getrappel rasch sich nähernder Schritte auf dem Korridor. Der Doktor zeigte mit dem Finger auf seinen abtrünnigen Sohn. »Und was dich angeht, George, deine billigen Machenschaften mögen in der Vergangenheit funktioniert haben – mehr als einmal sogar –, aber jetzt bin ich fertig mit dir. Versuch nur, mich in Verlegenheit zu bringen, laß es dir nur einfallen, dich mit deiner Blechtasse auf die Straße draußen zu setzen und meine Patienten auf irgendeine Weise zu schikanieren, und ich werde dafür sorgen, daß dich Chief Farrington so schnell ins Bezirksgefängnis wirft, daß du nicht weißt, wie dir geschieht.«
    George murmelte eine Obszönität, und dann hämmerte es ungeduldig an die Tür hinter ihnen, und fünf stämmige junge Männer in Sanatoriums-Weiß reihten sich in der Tür auf. Der Doktor wandte seinen Blick Bender zu. »Und Sie, Sir, sind für mich nichts weiter als eine widerwärtige Unannehmlichkeit, als ob ich auf der Straße in etwas getreten wäre. Wenn Sie mir noch einmal unter die Augen kommen, werde ich nicht zögern, dieses Etwas am Bordstein abzukratzen – haben Sie verstanden, was ich meine?«
    Bender begann sich lautstark zu empören – sein Stolz sei verletzt, und dem Doktor werde es noch leid tun und so fort –, aber Dr. Kellogg gab einen Wink, und die Pfleger drängten die drei aus dem Büro, den Korridor entlang und durch die schwere Eichentür am Nordende des Gebäudes hinaus. Der Doktor beobachtete vom Fenster aus, wie die aufsässige kleine Gruppe vom Gelände und auf die Straße verwiesen wurde. Dabei war ein gewisses Maß an Rempelei unumgänglich, und der jüngere Mann verlor seinen Hut, aber Dr. Kellogg war in der Lage, schließlich und endlich doch noch ihren vollen, ungeordneten Rückzug mit ansehen zu können. Ihn zu erpressen: allein schon der Gedanke! Glaubten sie etwa, er wäre von gestern?
    Der Doktor verspürte ein kurzes Aufwallen des Triumphs – er wäre zu gern dabeigewesen und hätte das Gesicht seines Bruders gesehen, wenn sie über ihn herfielen –, aber dieses Gefühl verschwand schnell wieder, und er verbrachte den Rest des Nachmittags damit, über Georges Perfidie nachzugrübeln. Warum haßte der Junge ihn so? Wo hatte er Fehler begangen? Er hatte sich bemüht, freundlich und ein guter Vater zu sein, und er hatte George nicht anders als die anderen behandelt. Man sehe sich nur an, was aus den Rodriguez-Jungen geworden war und aus dem kleinen Nathaniel Hirnes, dem Mulatten, und aus Lucy DuPlage, die es nie versäumte, ihm zum Geburtstag ein Geschenk zu schicken, und die jeden Sommer aus dem weit entfernten Boston kam, nur um bei Ella zu sitzen, mit ihr zu plaudern und ihr im Haushalt zu helfen. Er verbrachte den Nachmittag in einem Nebel, ging im Geist die Vergangenheit durch, sichtete die Trümmer, versuchte, sich an irgendeinen Lichtschimmer zu erinnern – war George jemals auch nur im geringsten dankbar gewesen?
    Nein, war er nicht. Er hatte nie auch nur eine Entschuldigung gemurmelt oder

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