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Wintermaerchen

Wintermaerchen

Titel: Wintermaerchen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Mark Helprin
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übereinandergetürmt. Klapprige Blechbaracken und wackelige Rampen, deren Gebälk nach Moder roch, verwandelten sich rasch in einen Wald aus glänzenden Schienen, neuen Bahnsteigen und stabilen Türmen. Schon bedeckten Weichen und Signale die schlackenübersäte Ebene, als wären sie wie Plantagen aus der Asche gewachsen.
    Da Hardesty und Praeger hungrig waren, beschlossen sie, zu Fuß zur Kantine zu gehen. Um dorthin zu gelangen, mussten sie über fünfzig Zäune und ein Dutzend Güterzüge klettern. Rußiger Schmutz von den Zäunen und den Eisenleitern der Waggons bedeckte ihre Hände und rann ihnen, mit Schweiß vermischt, die Schläfen herab. Sie wurden verfolgt von bissigen Wachhunden, die auf den Frachthöfen frei herumliefen, und einmal blieb Praeger nichts anderes übrig, als in Windeseile einen Signalmasten zu erklimmen. Dort wurde er von einem wolfartigen Köter belagert, aus dessen grimmigem Knurren er immer wieder das Wort »Rrrrache!« herauszuhören glaubte.
    Als sie endlich die Kantine erreichten, waren ihre Gesichter von der Kälte und der Anstrengung gerötet, ihre Kleidung schmutzig und zerrissen und sie selbst angenehm ermüdet. So passten sie gut zu den Arbeitern und Seeleuten, die stumpf und halb betäubt eng beieinander im Kreise hockten und in deren Blicken beständig eine stumme Drohung lag.
    »Praeger«, sagte Hardesty, »das sind die Leute, die mit ihren Autos gegen Leitplanken fahren. Du weißt schon, Leute, die einen Juwelierladen ausrauben, unerkannt fliehen und dann mit fünfundachtzig Meilen über dem Tempolimit einen Streifenwagen überholen. Bei der Verfolgungsjagd nehmen sie dann die Kurven, als gäbe es keine physikalischen Gesetze. Irgendwann prallen sie gegen die Leitplanken. Die Leitplanken sind ihr Schicksal.«
    »Sei still!«, befahl Praeger. »Der Kerl da drüben hört uns zu. Er sieht ganz schön bösartig und beleidigt aus.«
    Hardesty verbrannte sich an der glühend heißen Muschelsuppe die Finger. Die Suppe wurde gratis aus einem Kupferkessel serviert, der auf der Theke stand. Sie bestellten gegrillte Garnelen und aßen sie mit Brot und scharfer Soße. Dazu tranken sie ein Bier, ein zweites, ein drittes. Bald schon überließen sie sich willenlos der wellenartig auf- und abflauenden Musik und dem dröhnenden Stimmengewirr. Die ganze Kantine schien im Wind hin- und herzuschwanken wie eines jener Segelschiffe, die in alter Zeit unten an den Werften festzumachen pflegten. Hardesty und Praeger fühlten sich wie auf hoher See. Die trägen Rauchschwaden in der Mitte des Saales wurden für sie zu Wolken, Segeln und Möwen.
    Es dauerte nicht lange, da hatte Hardesty alle seine Probleme vergessen. Mit argloser Begehrlichkeit konzentrierte er sich ganz auf die brave Kellnerin, die, Tabletts auf den Händen, immer wieder unter den lüsternen Blicken ihrer Arbeitgeber die gefährlichen Engpässe in der Kantine passierte. Um die Tabletts waagerecht in der Schwebe zu halten, während sie sich durch die lärmende Menge schlängelte, musste sie eine Art Tanz aufführen. Sie war klein, aber rank und kräftig und sexy genug, um sämtlichen Männern in der Kantine den Kopf zu verdrehen. Ihre Freizeit musste sie irgendwo in der Sonne verbringen, denn sie war tief gebräunt. Ihre Beine wirkten straff wie die einer Läuferin, und ihre langen, anmutigen Arme waren ein wenig muskulös. Hardesty brachte es nicht über sich, sich von ihr abzuwenden oder den Blick zu senken, wenn sie auf ihn zutrat. Sie trug eine weiße Bluse, deren Ausschnitt weit genug geöffnet war, um den weichen, dunklen Brustansatz sehen zu lassen. Ihr pechschwarzes, wippendes Haar mit den kessen, nach oben gedrehten Wellen imitierte die Frisur einer populären Sängerin. Hardesty drehte fast durch. Ebenso wie die Lastwagenfahrer mit ihren Cowboyhüten, die in Hoboken wohnhaften Arbeiter, die ehemaligen Seeleute, die Fremden aus Manhattan und die auf die Leitplanken spezialisierten Burschen war er von ihr wie verzaubert. Wenn sie an ihm vorbeikam, musste sie ihm das Gesicht zuwenden, ähnlich wie im Gang eines überfüllten Zuges in Europa. Der atemlos staunende Hardesty fühlte sich dabei so, als hätte eine Turmuhr Mitternacht geschlagen, aber nicht zwölf-, sondern mindestens vierzig Mal, denn während sie sich an ihm vorbeischob – Gott segne Amerika! –, wurde sie im Gedränge an ihn gepresst wie in einer überfüllten Straßenbahn. Er fühlte die Spitzen ihrer kleinen Brüste langsam über seine eigene Brust

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