Wintermaerchen
Beschleunigung war dergestalt, dass er den Wind in seinen Ohren pfeifen hörte. Er flog geradewegs auf die gegenüberliegende Wand zu. Sie kam ihm so rasch entgegen, dass er nicht einmal mit der Wimper zucken, geschweige denn protestieren konnte. Schon krachte sein Kopf dagegen, doch anstatt auf der Stelle getötet zu werden, brach er hindurch. Schon war er in einem anderen Kellerraum, und noch immer wurde er schneller und schneller. Wieder raste eine Wand auf ihn zu. In Erwartung des Schlimmsten schloss er die Augen, aber dann durchschlug er auch sie. Die Beschleunigung ließ nicht nach. Peter lernte schnell, die Augen offen zu halten und sich der Geschwindigkeit hinzugeben. Eine Wand nach der anderen tauchte vor ihm auf, und er flog hindurch, als bestünden sie aus Luft. Die Kellerräume zogen an ihm vorbei wie Bilder in einem Film. Und dann gab es plötzlich keine Wände mehr.
Er flog in der Tiefe dahin, schnell wie ein Jet, er zischte durch Erde, Gestein, unzählige Keller, Zisternen, Tunnel, Brunnen und schließlich durch Gräber. Mühelos, als segelte er durch klare Luft, schickte man ihn auf einen Rundflug durch alle Gräber dieser Welt. Zwar flitzten sie mit einer solchen Geschwindigkeit an ihm vorbei, dass er von ihnen lediglich nur ein kurzes, mattes Aufleuchten wahrnahm, aber dennoch war er in der Lage, jedes Grab, das blitzartig vor ihm auftauchte, separat zu begutachten wie bei einer umständlichen Leichenschau. Er sah die Gesichter und die Kleidung von Menschen, die noch nicht lange unter der Erde lagen und registrierte ohne innere Anteilnahme ihre Mienen.
Peter Lake schien nur aus Augen zu bestehen. Sie nahmen die immer schneller vorbeijagenden Bilder in sich auf und bewegten sich mechanisch mit übernatürlicher Geschwindigkeit. Präzis erfassten sie jedes Detail und erhaschten einen Anblick von jedem einzelnen der Milliarden Toten, die zu sehen ihm bestimmt war. Das rasende Tempo und die rhythmische Abfolge der vielen Bilder verbanden sich zu einem reinen, überweltlichen Pfeifton. Die Leichen lagen in allen möglichen Stellungen. Manche waren längst zu Staub zerfallen, andere bestanden aus den von Kindern so gefürchteten elfenbeinernen Knochen, die spukhaft phosphoreszieren. In nicht enden wollenden Szenen wie aus einem Puppenspiel umklammerten sie Amulette, Werkzeuge oder Münzen. Man hatte sie mit Ikonen, Fotos, Zeitungsausschnitten, Büchern und Blumen beerdigt. Manche von ihnen waren von zerzausten Lumpen umhüllt, andere mit Binden umwickelt. Einige lagen in hölzernen, mit Seide ausgeschlagenen Wiegen, aber viele, unendlich viele ruhten ohne jegliches schmückendes Beiwerk im weichen oder steinigen Erdreich. Peter blickte auch in Stahlkammern auf dem Grund des Meeres, und er sah Massengräber, in denen die Leichen wie Holzscheite übereinandergetürmt lagen. Ketten, Seile und Halseisen waren ebenso häufig wie Kolliers aus Perlen und Gold. Alle Altersstufen waren vertreten – Kleinkinder, Krieger, in deren Schenkel noch immer Schwerter staken, Gelehrte, die friedlich entschlummert waren und Dienstleute aus der Renaissance mit roten Kappen. Während sie vorbeischossen, verlangsamte sich ihre Geschwindigkeit für unermesslich kleine Augenblicke, damit sie ihm einen Gruß entbieten konnten. Er flog in der Finsternis der Tiefe an zahllosen Legionen vorbei, und seine Augen waren rastlos tätig, um die Bilder der Bärtigen, der Zahnlosen, der Lachenden und der Wahnsinnigen, der sorgenvollen und der lächelnden Frauen in sich aufzunehmen. Da waren jene von tiefem Gemüt und andere, die nie mehr gewusst hatten, als ein Fisch weiß. Manche hatten ihr Leben auf dem Eis gelebt, und da waren sie noch immer, ruhten vollständig erhalten in ihrem glatten weißen Panzer.
Peters Mund stand weit offen, aber seine Augen arbeiteten noch immer. Etwas in ihm bestand darauf, jeden einzelnen dieser Toten zu ehren. Als wäre er für diese Aufgabe geboren, sah und speicherte er in seinem Gedächtnis jeden dieser fleischlosen Köpfe, jede bleiche Hand und jede Augenhöhle. Die Gräber der Welt zogen an ihm mit der hypnotischen Geschwindigkeit und dem flirrenden Rhythmus von Speichen eines sich schnell drehenden Rades vorbei. Er blieb unberührt und empfand auch kein Mitleid, denn er war vom Schauen voll in Anspruch genommen. Es gab viel zu tun, er musste sie alle kennen lernen. In seinem aberwitzigen, atemlosen Flug ließ er keinen einzigen aus. Er mühte sich, als sei er dafür geschaffen, ihr Buchhalter zu sein
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