Wintermaerchen
einmal!«
»Oh, ich … ich …« stammelte der Mann in seiner kleinen Zelle und reichte ihr die Karte.
Virginia eilte die teppichbelegten Treppen hinauf, dem keuchenden Cecil hinterher. Oben angekommen, wartete Virginia so lange ab, bis der Dicke Platz genommen hatte. Dann setzte sie sich, von ihm unbemerkt, direkt hinter ihn. Hätte dort oben nicht ein halbes Dutzend schlummernder Polizisten tief in ihren Sesseln gehangen, dann wären die beiden ganz alleine auf dieser Empore gewesen. Virginia blickte hinab in die Tiefe und legte vor Schreck eine Hand aufs Herz. Die Bühne sah von hier oben wie ein kleiner, fächerförmiger Keks aus, auf dem schwarze und weiße Ameisen herumkrabbelten.
Langsam verloschen die Lichter. Cecil Mature hopste vor lauter Vorfreude auf seinem Sitz herum. Kaum hatte er eine kleine weiße Schachtel aus seiner Manteltasche gezogen und sie geöffnet, als Virginia die Düfte von Hummer kantonesisch in die Nase stiegen. Gleich darauf begann das Konzert. Fagotte, Piccoloflöten und Schnarrtrommeln ertönten zur Freude der Anhängerschaft von Mozart und Minoscrams Sampson. Sogar die Polizisten klatschten automatisch im Schlaf. Cecil Mature fing an, seinen Hummer zu verzehren. Mit den Fingern schob er sich die Bissen in den Mund und knackte die harte Schale mit den Zähnen.
Virginia verlor sich schon bald in den traurigen, amphibologischen Harmonien. Diese Musik war wie ein Ritt auf sanften Wellen oder eine Fahrt im Motorboot durch die Cotswolds. Sie wiegte und schaukelte die Zuhörer so gemächlich, als wären sie Verwundete, die aus einem Krieg heimkehrten. Es war schon ein recht seltsames Gedudel, aber Cecil Mature liebte es. Virginia sagte sich, dass er daran hängen mochte wie ihre Mutter an den Werken von A. P. Clarissa. Allerdings war Cecil jünger, und er benahm sich fast wie ein Rowdy, denn ab und zu warf er einen Arm in die Luft und sagte: »Spielt die Musik! Spielt sie! Yeah!«
Kurz vor Ende des Konzerts begab sich Virginia in die Halle. Sie wollte eine scheinbar zufällige Begegnung mit Cecil provozieren. Die Lichter gingen an, und schon kam er um eine Ecke gesaust.
»Mr Cecil Wooley!«, rief Virginia mit gekonnt gespielter Überraschung und tat ganz so, als würde sie ihn schon ein Leben lang kennen.
Er blieb wie angewurzelt stehen, schloss seine Schlitzaugen und biss die Zähne zusammen. »Hallo, wie geht’s?«, sagte er, sichtlich peinlich berührt.
»Welch Überraschung, dass Sie Minoscrams Sampson mögen«, fuhr Virginia fort. »Er ist mit Abstand mein Lieblingskomponist. Wissen Sie, er lebte nicht weit von dem Ort entfernt, wo ich aufgewachsen bin, in einer großen Windmühle am Seeufer, und jeden Tag …«
Bevor Cecil wusste, wie ihm geschah, hatte sie ihn ganz in Beschlag genommen und schleppte ihn mit sich die East Fifty-Seventh Street hinab. Er kam nicht dazu, einen Einwand dagegen zu erheben und zu erklären, dass er nach Hause oder sonst wohin müsse, denn Virginia plauderte über dieses und jenes, und sie ließ seinen Arm nicht los. In Wahrheit war Cecil natürlich sehr stolz, mit einer so hoch gewachsenen Schönheit gesehen zu werden, und sie hätte ihn überall hinschleppen können. Stolz und verwirrt zugleich, errötete er und zwinkerte mit den Augen. Es war, als hätte er sich mit ihr zu einem Rendezvous getroffen! Alle die wichtigen Leute, die in der Abenddämmerung nach Hause gingen, würden ihn mit ihr sehen. Und da die Fifty-Seventh Street die Straße war, auf der man sich sehen ließ – was konnte er sich da Besseres wünschen? Allein der Gedanke, die Leute könnten sie, Cecil und Virginia, für Mann und Frau halten, jagte ihm einen köstlichen Schauer über den Rücken.
Virginia schnippte mit den Fingern. »Ja, das ist es!«, sagte sie in Beantwortung einer Frage, die ihr niemand gestellt hatte. »Lassen Sie uns in der Bar des Hotels Lenore eine Eiscreme Soda nehmen! Sie machen dort eine spezielle Ingwer-Schokoladencreme, nach der meine Kinder ganz verrückt sind. Vielleicht möchten Sie sie probieren?«
Cecil blieb abrupt stehen und schüttelte den Kopf.
»Was gibt’s denn, Mr Wooley?«, erkundigte sich Virginia.
»Ich kann nicht«, sagte er todernst.
»Können nicht was?«
»Ich kann nicht. Wir dürfen in keine Bar gehen, Eiscreme Sodas bestellen, Schokolade essen, mit fremden Leuten reden und uns abends irgendwo weit weg vom Schiff herumtreiben.«
»Wer sagt das?«
»Jackson Mead.«
»Muss er es denn unbedingt wissen?«
»Ich bringe es
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