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Wintermaerchen

Wintermaerchen

Titel: Wintermaerchen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Mark Helprin
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berühren, seitlich durch das goldene Licht zu einer hochgelegenen Terrasse mit Blick über den blauen See, der eigentlich keiner war, sondern eine Erscheinungsform des Lichts. Es umfing sie wie eine Kuppel aus gewichtlosem Azur, die sich bis zum Horizont dehnte und die selbst von einem Licht ganz anderer Art erfüllt war, golden, silbrig, luftig, heiß und blendend. Er hielt ihre Hände, während sie lächelnd vor ihm herschwebte. Er bemühte sich, sie zu erkennen und sich an die Züge ihres Gesichts zu erinnern, aber sie ließ es nicht zu, sondern bewirkte mit ihren Augen, dass seine Vision zerfloss. Nie zuvor hatte er solche Augen gesehen. Sie waren von flüssigem, elektrischem, strahlendem, kompromisslosem Blau und hielten ihn in ihrem Bann, indem sie ihn wie Strahlen durchdrangen, sengend heiß und kühl zugleich.
    Er erwachte im Morgengrauen unter einem kalten Nieselregen, dessen Tropfen den Nebelvorhang zerfetzt hatten. Tief unter ihm war nun das Meer sichtbar, mit Brechern von dunklem, schmutzigem Grau. Hardesty fühlte sich zerschlagen und müde; er kam sich vor wie ein Augenpaar, das von einem Gerippe getragen wurde.
    Bis auf die Haut durchnässt, ging er auf dem Rückweg in die Stadt unter der Golden-Gate-Brücke hindurch. Vor der Mautstelle stauten sich Fahrzeuge, die allesamt nach Norden wollten. Die Brücke selbst war ein sanft geschwungener, mit rotglühenden Augen besetzter Bogen. Es war dunkel, nass und trübe wie an einem Abend im frühen Winter.
    Ein wenig östlich der Mautstelle fand Hardesty eine nicht sehr große, verwahrloste Grünanlage. Dort stand mitten auf einem kleinen, gepflasterten Platz ein Sockel mit einem Bronzekopf darauf. Erschöpft lehnte sich Hardesty dagegen. Der Ort schien ihm für eine Statue höchst ungeeignet, denn der Park war der Öffentlichkeit praktisch nicht zugänglich. Er ging um den Sockel herum, um an der Frontseite zu lesen, wer hier geehrt worden war. Trotz der Dunkelheit konnte er die Inschrift entziffern:
    – 1870 Joseph B. Strauss 1938 –
    Er übersprang einen aus kleineren Buchstaben bestehenden Absatz und las die darunterstehende Zeile:
    Chefingenieur der Golden-Gate-Brücke 1929–1937
    Dann wandte er sich wieder dem in kleineren Buchstaben gehaltenen Text zu, der auf einer Bronzetafel stand, die hier geduldig und reglos einen großen Teil des Jahrhunderts ausgeharrt hatte. Hardesty fand seine Vermutungen bestätigt; er hatte es schon einmal gesehen. Plötzlich schien das stumpfe Metall im Halbdunkel zu leuchten wie die helle Sonne.
    Hier, am Golden Gate, findest du den ewigen Regenbogen, den er ersann und dem er Form gab – Fürwahr eine Verheissung, dass das Menschengeschlecht die Zeiten überdauern wird.
    Wie ein Fallschirmspringer, der sich zum Sprung anschickt, schloss Hardesty sekundenlang die Augen. Dann öffnete er sie wieder, und als er mit einem verhaltenen, ironischen Lächeln den Kopf hob, blickte ihm Jackson Mead entgegen. Die ganze Zeit hatte er dort im Nebel und Dunst gestanden und nach San Francisco hinübergestarrt, mehr als sechzig Jahre lang. Hardesty war sich sicher, dass es auf anderen Plätzen ähnliche Statuen gab, die zwar andere Namen trugen, deren Blick jedoch gleichfalls unverwandt in die Ferne gerichtet war.
    *
    In einer der Hallen des Museums, die Hardesty früh am Morgen betreten hatte, um bei Jackson Mead vorzusprechen, hing ein riesiges Gemälde, auf dem Wissenschaftler in Ausübung ihrer Tätigkeit am Hof Friedrichs des Großen dargestellt waren. Der König selbst stand, von mehreren Männern umringt, in heldischer Pose zwischen den komplizierten Apparaturen eines Laboratoriums und trug einen grauschwarz gemusterten Mantel.
    Ein Assistent kam herbei und teilte Hardesty mit, Jackson Mead wolle ihn nun empfangen. Hardesty ging einen langen Korridor entlang, dessen Fußboden und Wände aus jenem mattglänzenden, sandfarbenen Stein bestand, der so häufig seinen Weg in die Museen findet. Seit Tagen von unerschütterlicher Gewissheit beseelt, kam Hardesty sich plötzlich so vor, als sei er unterwegs zu einer Audienz bei Friedrich dem Großen. Staunend und ein wenig schockiert gestand er sich ein, dass dieser Gedanke so abwegig nicht war.
    Weder Mootfowl noch Mr Cecil Wooley waren zugegen, und die Staffeleien mit den Gemälden waren entfernt worden. Jackson Mead saß in einiger Entfernung von seinem Schreibtisch auf einem schlichten Holzstuhl mit geflochtener Sitzfläche. Er rauchte Pfeife und wirkte unter dem unwirklichen

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