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Wintermaerchen

Wintermaerchen

Titel: Wintermaerchen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Mark Helprin
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Märzlicht nachdenklich und wohlwollend. Mit einer Handbewegung forderte er Hardesty auf, Platz zu nehmen, und Hardesty setzte sich auf eine bequeme, mit zerknautschtem grauem Samt bezogene Couch, zog seine eigene Pfeife heraus, stopfte sie, zündete sie an und begann schweigend vor sich hinzupaffen.
    Nach einer Weile meinte Jackson Mead mit gesenktem Blick: »Manchmal fühle ich mich mutlos.«
    »Tatsächlich?«, fragte Hardesty rhetorisch.
    »O ja, zutiefst entmutigt. Es ist nicht leicht, Architekt von so großen Projekten zu sein. Es ist so, als müsse man ein Reich zusammenhalten. Ohne ein vollendetes Gleichgewicht zwischen Kunst, Leidenschaft und Glück neigen die Dinge dazu, in alle Windrichtungen auseinanderzustäuben. Und dann ist da noch die Opposition. Immer scheint es irgendein hochgesinnter, aber in einen grundlegenden Irrtum befangener Elitemensch auf mich abgesehen zu haben, weil er glaubt, ein Volk, über das zu herrschen er sich ausersehen wähnt, vor mir und meinem Werk beschützen zu müssen. Oder ich muss mich mit Cliquen selbsternannter Intellektueller herumschlagen, die jahrzehntelang die Werke von Karl Marx wiedergekäut haben, sodass ihr gesamtes Denken zu Galle geronnen ist. Nehmen wir nur Ihren Freund Praeger de Pinto, der sich mächtig ins Zeug legt, um Bürgermeister zu werden. Sein ganzer Wahlkampf scheint sich nur auf mich zu konzentrieren. Warum lässt er mich nicht in Ruhe? Ich werde nichts tun, was seinen Schäfchen schaden könnte.«
    »Praeger ist keiner von den elitären Burschen, die Sie gerade erwähnten«, versicherte Hardesty. »Nie habe ich einen Menschen gekannt, der so sehr an die Idee der Gleichheit glaubt.«
    »Dann ist er ein Marxist.«
    »O nein! Marxisten sind Leute, die es Tag für Tag innerlich zerreißt, weil sie die Welt beherrschen wollen, die Zeitungen aber nicht einmal ihre Leserbriefe veröffentlichen! Praeger hingegen ist Chef redakteur! Abgesehen davon ist er in der Stadt der Armen aufgewachsen, und Sie wissen ebenso gut wie ich, dass der Marxismus in diesem Land eine religiöse Leidenschaft der Mittelklasse ist.«
    »Warum bloß hetzt er dann alle Hunde auf mich? Welches seiner Prinzipien verlangt von ihm, dass er seine Nase in meine Angelegenheiten steckt? Weder eine Stadt noch eine Kultur können von ihren Kritikern geführt werden. Kritiker können nichts bauen und keine neuen Wege beschreiten. In Wirklichkeit sagen sie nur ja oder nein – und komplizieren alles. Ich nehme hiervon natürlich die Literaturkritiker aus, die kommen gleich nach den Engeln.«
    »Er hat es nicht wegen irgendwelcher Prinzipien auf Sie abgesehen. Er ist hinter Ihnen her, weil er neugierig ist, weiter nichts.«
    Jackson Mead seufzte. »Irgendwann werde ich seine Neugier befriedigen. Aber ich brauche Zeit, um Ordnung in die Dinge zu bringen. Es ist meine einzige Chance.«
    »Ich weiß«, sagte Hardesty. »Die Eisenbahnstrecken aus jenen Teilen des Landes, aus denen der Stahl kommt, sind noch nicht fertig. Die Landungsbrücken und Lagerhallen müssen gebaut, große Mengen von Maschinen und Materialien transportiert und an Ort und Stelle montiert werden.«
    Jackson Mead nahm die Pfeife aus dem Mund. Er fragte sich, ob das alles war, was Hardesty wusste. Doch da sprach Hardesty auch schon weiter. Lässig lehnte er sich auf dem Samtsofa zurück, und sein Haar glänzte in dem simulierten Tageslicht.
    »Sie müssen Zwangsräumungen veranlassen und Gott weiß wie viele Menschen in Bewegung setzen. Bevor Sie anfangen können, die Fundamente zu legen, müssen Sie Fabriken, Häuser und Geschäftsbauten abreißen lassen. Alles muss seine Richtigkeit haben, bevor Sie diese Brücke bauen, Mr Mead, denn dieser ewige Regenbogen wird die Stadt erzürnen. Was Sie sich in den Kopf gesetzt haben, ist viel, viel größer als alles, was bisher da gewesen ist. Und Sie wissen sehr wohl, dass die Leute das Gefühl, klein und unbedeutend in den Rängen zu sitzen, während jemand wie Sie die Weichen für die Zukunft stellt, nicht mögen werden. In alten Zeiten brandschatzten sie die Mühlen und flochten ihre Naturphilosophen aufs Rad. Heutzutage erachten sie es für ihre Pflicht, den Baumeistern die Hände zu fesseln, sie zu demütigen und mit Füßen zu treten.«
    »Ich hasse sie!«, brüllte Jackson Mead. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und begann auf und ab zu gehen. »Sie verstehen nicht, dass wir ein Mandat zu erfüllen haben. Ich kann auf den Bau dieser Dinge nicht einfach verzichten, sie

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