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Wintermaerchen

Wintermaerchen

Titel: Wintermaerchen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Mark Helprin
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sind meine ganze Verantwortung! All die Maschinen, Brücken und Städte, die wir errichten, sind in sich doch völlig bedeutungslos. Sie sind nur Markierungspunkte dessen, was wir als Zeit bezeichnen – wie die künstliche Trennung der Töne im Schriftbild der Partitur. Warum lehnen sich die Menschen so gegen sie auf? Sie sind Symbole und Produkte der Vorstellungskraft, jener Kraft, die in einer unvollkommenen Welt für Gerechtigkeit und historisch fassbare Dynamik sorgt. Ohne die Kraft unserer Fantasie hätten wir nicht die Mittel, um scheinbar Unumstößliches anzufechten, und wir würden nie über uns selbst hinauswachsen. Aber sehen Sie nur! Wir haben die Räder schon in Bewegung gesetzt, und ihr Schwung zwingt uns, im selben Maß voranzuschreiten. Ihr Aufstieg wird auch unserer sein, und er wird das Ende der Geschichte bedeuten, wie wir sie bisher gekannt haben, Mr Marratta. Ein Zeitalter wird anbrechen, das unsere Fantasie schon immer gekannt hat. Maschinen eignen sich so gut, um scheinbare Wahrheiten infrage zu stellen. Alles spricht dagegen, dass sie sich bewegen, aber sie bewegen sich doch. Sie drehen sich, sie bewegen sich, und sie geben nie auf. Immer arbeitet irgendwo eine Maschine. Wie silberne Herzen halten sie seit Generationen den Glauben dieser Welt wach und schüren das Feuer der Fantasie zu einer immerwährenden, glanzvollen Rebellion.«
    »Aber was ist mit dem richtigen Herzen?«, entgegnete Hardesty. »Ich meine die Herzen jener, die sich Ihnen in den Weg stellen. Es gibt nichts Größeres als das, was sich in jenen schlichten Herzen abspielt. Noch das unedelste von ihnen vermag tausend Brücken über tausend Häfen zu schlagen.«
    »In solchen Herzen ruht das Potenzial, um tausend Brücken zu schlagen, aber aus meinem erwächst die Wirklichkeit einer einzigen. Was ist verdienstvoller?«
    »Die Welt bedarf beider – zu gleichen Teilen.«
    »Das will ich nicht bestreiten. Mag sein, dass die anderen den richtigeren Kurs verfolgen. Letztlich bin ich ihr Diener. Um dies aber sein zu können, muss ich zuvor ihr Meister sein. Im Übrigen habe ich in dieser Angelegenheit keine freie Wahl, nicht wahr? Alles ist schon einmal geschehen. Wir werden wie Hunde miteinander kämpfen, aber am Ende behalte ich die Oberhand. Der härtere Kurs setzt sich durch, denn das Gerippe dieser Welt besteht aus Stein und Stahl.« Jackson Mead blieb vor Hardesty stehen. Aus den Tabakspfeifen stiegen zwei parallele weiße Rauchsäulen empor. »Wie sind Sie dahintergekommen?«
    »Ein Dutzend unserer Leute hat sich vier Monate lang mit dieser Sache befasst. Am Schluss brachte uns freilich erst der Zufall auf die richtige Spur. Ich fand die Statue von Joseph Strauß, dem Chefingenieur der Golden-Gate-Brücke. Als ich in seine Augen blickte, schauten Sie mich an.«
    »Reiner Zufall. Ich kannte Strauß. Als ich jünger war, sahen wir uns ähnlich, und möglicherweise hat sich die Ähnlichkeit inzwischen noch verstärkt.«
    »Mag sein«, erwiderte Hardesty. »Jedenfalls fand ich heraus, was Sie mit dem ewigen Regenbogen meinten.«
    »Haben Sie andere eingeweiht?«
    »Nein.«
    »Und wo stehen Sie? Sind Sie auf Praeger de Pintos Seite oder auf meiner?«
    »Ich weiß nicht. Im Augenblick scheinen sich die Dinge die Waage zu halten, und ich neige dazu, es dabei zu belassen. Aber ich wüsste gern, was sich in dem Schiff befindet, das dort draußen vor Anker liegt.«
    »Die für den Bau erforderlichen Geräte und Materalien.«
    »Ich gehe davon aus, dass sie nicht eben herkömmlichen Maßstäben entsprechen.«
    »Das stimmt.«
    »Und wie soll die Brücke heißen?«
    »Der Name ist unwichtig, aber wir wollen sie Battery Bridge taufen.«

Weisses Pferd und dunkles Pferd
    W ährend Hardesty Marratta und Jackson Mead über die Zukunft debattierten, folgte die Stadt ruhig ihrem vorgezeichneten Weg. Nahezu unberührt vom Wechsel der Jahreszeiten und von der Geschichte vergessen, fristeten die Menschen in der Stadt der Armen ihr Dasein. Sie lebten in einem zeitlosen Reich, das sich von Manhattan bis zum Meer erstreckte. Zwischen Trümmergrundstücken erhoben sich Fabriken wie mauerumgürtete Festungen; aus ihren Schloten schlängelten sich schwärzliche Rauchsäulen in den Himmel. Mochten Hardesty Marratta und Jackson Mead im ewigen Märzlicht der Museumshalle reden, was sie wollten – die Stadt der Armen blieb sich für alle Zeiten gleich. Sie war wie eine entsicherte Waffe, der Lauf einer Schrotflinte im Mund jener, die meinten, sie

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