Wintermaerchen
geölt und wurden in ihren Garagen überrumpelt. Kein Schneepflug vermochte die Straßen freizuschieben. Der Hermelinbürgermeister verfügte, dass weder Salz noch Sand auf die Fahrbahn und Gehsteige gestreut werden durfte. »Zum Teufel!«, sagte er mit großartiger Geste (die Wahlen standen an). »Wenn die Natur so tun will, als wohnten wir am Yukon, dann wollen wir uns nach der Decke strecken! Der Schnee wird nicht angetastet, alle Schulen werden bis auf weiteres geschlossen, und alle städtischen Angestellten, deren Arbeit nicht von lebenswichtiger Bedeutung ist, brauchen sich vorerst nicht zum Dienst zu melden.«
Praeger de Pinto wollte diesen Erlass des Hermelinbürgermeisters der Lächerlichkeit preisgeben. Aber das war nicht sein einziges Motiv, als er öffentlich versprach, die Stadt könne nach seiner Wahl zum Bürgermeister die schönsten Winter aller Zeiten erwarten. Monatelang sei dann mit weißem Schnee und blauem Himmel zu rechnen, Schlitten und Skier würden zu alltäglichen Transportmitteln, auf den Straßen wären wieder Pferde zu sehen, ein jedes Haus besäße einen Kamin, in den pechschwarzen Nächten wäre das Firmament mit Sternen übersät, Schlittschuhläufer könnten sich auf dem Fluss vergnügen, in den Parks würden Freudenfeuer lodern, und die Kinder kämen mit roten Apfelbäckchen nach Hause. Und der unablässig fallende Schnee würde schwindelerregende winterliche Walzer tanzen, zur atemlosen Freude der Bewohner dieser Stadt.
Anfänglich staunten die Leute ungläubig, dann reagierten sie feindselig und ablehnend, aber allmählich begannen sie, seinen Worten Glauben zu schenken. Sie nannten ihn den »Apostel des Winters«, den »Schneekönig« oder »Papa Weihnacht«.
Praeger war alles andere als machtgierig. Er wollte die Wahlen gewinnen, aber er war nicht bereit, sich deswegen in Stücke zu reißen. Deshalb war sein Wahlkampf selbst für einen Außenseiter recht unorthodox. Craig Binky unterstützte ihn zwar, aber die breiten Massen des Volkes hatten gerade einen jener periodisch auftretenden Anfälle von Aufmüpfigkeit gegen den gefeierten Verleger. Es zählte wenig, dass die ganze Fassade des Ghost mit Praegers lächelndem Gesicht zugekleistert war und dass Craig Binky im Fernsehen salbungvoll proklamierte: »Wählt mit dem Gewissen! Wählt Praeger de Pinto!«
Zu Beginn seiner Kampagne hatte Praeger sechs Prozent der Wählerschaft hinter sich, der unabhängige Kandidat Crawford Bees IV. dreizehn Prozent und der Hermelinbürgermeister einundachtzig. Praeger focht das nicht an. Im Gegenteil, es feuerte ihn an, und er tat alles, damit auch die Wähler von diesem Feuer erfasst wurden. Während die meisten Politiker, der Hermelinbürgermeister eingeschlossen, ohne zu zögern, Dinge versprachen, die sie niemals würden halten können – saubere Straßen zum Beispiel oder ein erfolgreiches Vorgehen gegen die Kriminalität –, ging Praeger ganz anders an die Sache heran und lief seinen Gegnern bald den Rang ab. Der Hermelinbürgermeister sagte den Leuten bei einer Wahlkundgebung unter freiem Himmel beispielsweise zu, er wolle während seiner nächsten Amtszeit dreißig Prozent mehr Polizisten auf die Straße schicken, der städtischen Müllabfuhr Beine machen und für Steuersenkungen sorgen. Dabei wussten alle, dass in Wirklichkeit dreißig Prozent weniger Polizisten in den Straßen patroullieren, die Müllhaufen sich höher und höher türmen und die Steuern heraufgesetzt werden würden. Dennoch applaudierte man dem Redner.
Crawford Bees IV., der dann den Leuten ein paar andere Zahlen auftischte, erntete gleichfalls höflichen Beifall.
Schließlich kam Praeger an die Reihe. Er ließ sich nie über Müll, Strompreise oder Polizei aus, sondern sprach nur über Winter, Pferde und das Leben auf dem Land. Mit nahezu hypnotischer Kraft redete er über Liebe, Loyalität und Ästhetik, und wenn die Leute meinten, er habe sein Pulver verschossen, dann legte er erst richtig los und sagte dem Bürgermeister knallhart auf den Kopf zu, er stecke mit Jackson Mead unter einer Decke. Er verstand es, schmerzhafte Tiefschläge auszuteilen, und zeigte sich erschreckend grausam (das genoss er am meisten), um sich unversehens wieder in eine lichte Welt aufzuschwingen und nicht locker zu lassen, bis die Leute vor lauter Sehnsucht nach der Reinheit des Winters ganz aus dem Häuschen waren. Er versprach ihnen Liebesaffären und Schlittenrennen, Langlaufloipen auf den Hauptverkehrsstraßen und hinreißende
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