Winterwelt (Sommer-Sonderpreis bis zum 06.08.2012!) (Winterwelt Trilogie) (German Edition)
werfen.
„Dann sind wir die Seelen und nicht die Nyriden?“, fragte Arrow mit gequältem Blick.
Anne nickte.
„Wozu dann die Wächter?“
„Nun, sie hätten die Seelen für die Verbrechen, die sie begangen haben, in die Unterwelt schicken können, doch die Perseiden fühlten sich mit schuldig und so ließen sie einen hauchdünnen Faden der Verbindung zwischen Seele und Nyriden bestehen, in der Hoffnung, sie eines Tages wieder vereinen zu können. Trotz alledem bleibt auf jeder Seite ein Loch zurück, das gefüllt werden muss – ein Teil, der fehlt. Diesen Teil ersetzt bei jeder Seele einer der Perseiden, der darüber wacht, dass der Faden nicht abreißt, und sie beschützt – auch vor sich selbst. Nur durch ihn können sie weiter existieren. Er fühlt alles, was sie fühlen, weiß alles, was sie wissen, und sieht alles, was sie sehen. Er ist er und er ist sie.“
„Und wer füllt das Loch auf der anderen Seite? Wer sorgt für die Nyriden?“, fragte Arrow zögerlich.
Anne schüttelte den Kopf. „Nichts und niemand“, flüsterte sie und in ihren Augen blitzten Tränen auf. „Sie existieren am Ort der Verbannung mit ihren Qualen, die sie unaufhörlich daran erinnern, was sie einst verloren haben. Das Einzige, was sie noch mit ihrer Seele teilen, ist der Zeitpunkt ihres Todes. Stirbt einer von beiden, erwartet den jeweils anderen das gleiche Schicksal.“
Arrows Blick war auf ihre Tasse geheftet. Sie atmete tief ein, um eine Frage zu stellen, vergaß sie aber sofort wieder und sank zurück in die Starre. Tausende Gedanken wirbelten in ihrem Kopf herum. Sie hatte erwartet, dass es nicht einfach werden würde, doch dass es so kompliziert und sogar schmerzlich sein könnte, stellte sie auf eine Zerreißprobe. Fast hätte sie schreien wollen, denn in ihrem Kopf spielten sich noch einmal geballt alle Informationen ab und es machte sie beinahe wahnsinnig. Doch sie fing sich wieder und plötzlich fiel ihr die entwichene Frage wieder ein. „Wohin wurden sie verbannt?“
Verzweiflung stieg in Annes Augen und Arrow kannte die Antwort schon, bevor Anne sie aussprach. „Das wissen wir nicht.“
„Und die Wächter? Wissen sie es vielleicht?“, fragte Arrow. Doch Anne schüttelte den Kopf.
In der Absicht, ein paar Schritte zu gehen, erhob Arrow sich von ihrem Stuhl, doch Anne hielt sie zurück. „Das war noch nicht alles.“
Verständnislos starrte Arrow sie an, ließ sich dann jedoch wieder zurückfallen.
„Nach dem Chaos“, berichtete Anne weiter, „das die Nyriden hier damals angerichtet hatten, waren die anderen Bewohner dieser Welt nicht gerade milde gestimmt. Die Gefühlsausbrüche der Wettergeister ließen die Ernte verdorren, Wälder niederbrennen und Dörfer überschwemmen. Die Bewohner forderten natürlich, dass sie alles wieder herrichteten, doch wie macht man das, wenn man nur noch eine machtlose Seele ist und nicht mehr der Geist mit den Kräften? Von diesem Moment an mussten sie sich verstecken. Kaum ein anderes Wesen kennt das Geheimnis und kaum eines von ihnen hätte Verständnis für ihre Situation. Das Handeln der Nyriden hat viele Leben gekostet, und wenn sie nicht freiwillig für ihre Fehler bezahlten, so würde man sie dazu zwingen, sogar, wenn das den Untergang allen Lebens bedeutet.
Inzwischen sehnen sich viele den Tod mehr herbei als alles andere. Der Kampf ums Überleben ist erbarmungslos geworden in dieser Schneehölle. Deshalb leben Nyriden abgeschirmt von der Außenwelt. Die Wächter mussten sie verstecken, wie du deinen damals in dem Medaillon versteckt hast. Wenn Nyriden sich in die Öffentlichkeit wagen, so geben sie sich als Menschen aus, die den Weg in diese Welt gefunden haben. Aus diesem Grund bist du in der Menschenwelt aufgewachsen – um ihre Gewohnheiten und Ansichten zu übernehmen und damit kein Geist zu der Annahme kommen kann, es wäre anders.“
„Wenn wir aber keine Macht haben und der Kreislauf der Natur ohne die Nyriden nicht stattfinden kann, wie ist es dann noch möglich, dass diese Welt weiterhin besteht?“
„Wie ich dir vorhin erzählt habe, gibt es die Urmächte. Einer von ihnen, der den Sommer in sich trägt, ist von dem Schicksal der anderen verschont geblieben. Unter Aufsicht des mächtigsten Perseiden trägt er seine Seele und den Nyriden vereint in dieser Welt. Mit ihm wurde unsere Rettung gewährleistet. Solange er lebt, leben wir alle.“
Skeptisch ließ Arrow ihre Augen durch den Raum schweifen. „Du meinst den des Winters“,
Weitere Kostenlose Bücher