Wohin der Wind uns trägt
Wangen sich zusehends röteten. Sarah schüttelte den Kopf. Emma war in New York. Jenny war in Griechenland. Und Jo hatte sie zuletzt gesehen, als sie ihr am Bahnhof von Worcester beim Abschied zugewinkt hatte. Sie überlegte.
»Moment … da gibt es jemanden, der uns vielleicht weiterhelfen kann …« Sie griff zum Telefon, wählte und hoffte, dass ihr Verdacht unbegründet war.
Jo beugte sich über die mit alten Hufeisen bedeckte Werkbank des Hufschmieds und pustete, angefeuert vom Johlen ihrer neuen Kollegen, die achtzehn Kerzen auf ihrem Geburtstagskuchen aus. Sie freute sich, dass Faith, ihre Zimmergenossin, diese kleine Überraschungsfeier für sie organisiert hatte. Entschlossen senkte sie das große Messer in den Kuchen, schloss die Augen und wünschte sich etwas.
»Lass Daddy verstehen, dass ich unbedingt mit Pferden arbeiten muss«, schickte sie ein lautloses Stoßgebet zum Himmel.
»Mach, dass die Pferde ihr endlich antworten«, rief John, ein hochgewachsener, schlaksiger Neunzehnjähriger, der sich rasch mit Jo angefreundet hatte.
Seitdem er Zeuge geworden war, wie sie an ihrem zweiten Tag in Stockenham Park einem Pferd etwas zugeflüstert hatte, hänselte er sie damit – das Ergebnis war, dass die anderen sie ebenfalls aufzogen.
»Das tun sie doch schon«, erwiderte Jo und errötete.
Sie versetzte John einen Schubs, schnitt den Kuchen auf und verteilte die einzelnen Stücke. Zufrieden biss sie in das lockere, gelbe Backwerk und konnte noch immer kaum fassen, dass sie tatsächlich in Stockenham Park arbeitete.
In den nächsten Minuten waren bis auf genüssliches Kauen nur das Zwitschern der Spatzen im Gebälk und hin und wieder die Bewegung eines Pferd in seiner Box zu hören. Jo konnte sehen, wie Wolken über den Winterhimmel jagten. Ein dunstiger Sonnenstrahl spiegelte sich in der Messingplakette einer Stalltür. Schließlich war der Kuchen verspeist. Jo bedankte sich schüchtern bei ihren neuen Freunden für die schöne Überraschung, und dann machten sich alle wieder an die Arbeit.
Es war schon fast zehn Uhr vormittags. Berge von grauem Schneematsch mussten weggeräumt und vom Wind durcheinandergewehtes Stroh zusammengefegt werden. Jo hatte ausgerechnet, dass England neun Stunden in der Zeit hinter Sydney herhinkte, und beschlossen, ihre Eltern erst spätabends anzurufen. So gewann sie nicht nur Zeit, sondern würde ihren Vater ziemlich sicher zu Hause antreffen. Es wäre leichter, zuerst mit ihm zu sprechen. Während sie den Pferdemist aus einer Box gabelte und es auf den Haufen im Hof warf, ging sie in Gedanken durch, was sie ihm sagen wollte. Ihr wurde flau im Magen.
So sehr war sie in ihre Grübeleien versunken, dass sie beinahe einen Satz machte, als Kurt ihr auf die Schulter tippte. Beim Anblick seiner schlitzohrigen Miene lief es ihr kalt den Rücken hinunter.
»Du hast Besuch«, sagte er barsch.
Jos Herz machte einen Satz. Emma! Sie hatte versprochen vorbeizuschauen, wenn Jo am wenigsten mit ihr rechnen würde. Sicher war sie aus New York zurück. Es passte zu ihr, an Jos Geburtstag unangemeldet aufzukreuzen. Jo bohrte die Heugabel in den Haufen und hastete, ein erwartungsvolles Lächeln auf dem Gesicht, aus dem Stall. Kurt folgte ihr langsam.
»Hallo, Jo«, meinte Charlie.
»Dad!« Jo blieb ruckartig stehen.
Sie errötete heftig, und ihr Lächeln war mit einem Mal wie weggeblasen. Nachdem sie sich von ihrem Schrecken erholt hatte, lief sie auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. Doch als sie bemerkte, dass er nicht vorhatte, die Umarmung zu erwidern, wich sie zurück.
»Ich wollte dich heute anrufen, Dad. Ich kann dir alles erklären«, stammelte sie, ihre Hände ringend. »Kurt war sehr nett zu mir, und Mr und Mrs Compton auch. Ich habe viel gelernt, Dad. Du wirst stolz auf mich sein, wenn du aufhörst, dich zu ärgern. Ich wollte dir nur beweisen, dass ich mit Pferden arbeiten kann, damit du es mir auch wirklich zutraust … Etwas anderes ist mir nicht eingefallen …«
Ihre Worte verhaspelten sich. Als Jo endlich verstummte, zitterte sie am ganzen Leib. Charlie hatte sich nicht von der Stelle gerührt.
»Deine Mutter ist im Auto. Sie ist so wütend, dass sie nicht aussteigen wollte«, sagte er mit finsterer Miene.
Jo starrte ihn an.
»Mum ist hier?«, fragte sie entsetzt, und ihre Wangen glühten.
»Wir wollten dich an deinem Geburtstag überraschen. Es war ihre Idee. Nun, eine Überraschung war das sicher. Wir müssen unter vier Augen miteinander reden, mein Kind«,
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